Auch in diesem Jahr haben wir am Tag der Barbara, der Patronin der Bergleute und der Schutzherrin vieler Glocken, einen Zweig vom Kirschbaum in einen Krug mit Wasser gestellt, damit das Reis zur Weihnacht erblühe.

Nun ist Weihnachten. Sankt Barbaras Geist trieb aus dem Holz. Ein kleiner Kirschblütentraum hat sich in die Winternacht herabgesenkt. Die zarte Blüte, ein verfrühtes Kind, wurde aus einer winzigen, ländlichen Mutter geboren, der Knospe. Da es viele Knospen sind und alle aufblühten, bedeutet es ein gutes Jahr. – Als Kinder hängten wir Zettelchen mit unseren Namen daran: wessen Zweig zuerst-erblühte, der durfte vom neuen Jahr ein besonderes Glück erwarten. Schaue ich in meine Kindheit zurück, merke ich wohl, daß jener blühende Zweig wirklich ein Glückszweig war. Der jetzige wird niemals die Kraft jenes alten besitzen.

Und auch die kleine Fichte, mit spärlichem Glasschmuck behängt, kann sich mit jener Fichte der Kinderzeit nicht messen: deren Krone, eine glitzernde Glasspitze wie ein Zepter tragend, bis zur hohen Zimmerdecke reichte. Die Zeit der großen Bäume ist vorüber. Die Christtannen sind von Jahr zu Jahr kleiner geworden, gemäß dem schmalen Raum, der uns blieb. Aber mich tröstet der Anblick des kargen Bäumchens als ein Zeichen der gesegneten. Zeit, die als eine sternenhafte Stunde in die ungesegnete eingebettet ist, glorienklar strahlend, damit man glaube, hoffe und liebe. Anton Schnack