Von Axel Use

In einem tonangebenden Rezeptbuch aus der Jahrhundertwende (genau 1905) sind 19 Punschrezepte und 13 Bowlen-Rezepte angegeben. Kürzlich las ich nun aber, daß ein weiblicher Filmstar in Hollywood 155 Rezepte für Cocktails weiß, mit denen sie ihre Gäste „entzückend bewirtet“. Und da sagen die Leute immer, die Welt würde innerlich leerer! Zweifelsohne hat nichts die „Trinksitten“ so verändert, wie die Erfindung des Cocktails. Zwar gibt es den alten Spruch: „Guter Rotwein macht auch die ältesten Zecher beritten!“ Aber dies ist sozusagen die Philosophie des Rotweins. Die Zecher hatten es selbst mit dem Reiten sieht so eilig. Denn guter Wein braucht Muße. Man muß ihn behutsam genießen können. Der Cocktail aber ist die Devise „Tempo, Tempo“ auf der Straße des Rausches.

Wenn man so manchen Gentleman sich seinen Cocktail selbst schütteln sieht, wobei es zuweilen zu veits- und kriegstanzähnlichen Gebärden kommt, so scheint schon allein durch die körperliche Strapaze die Möglichkeit des freundlichen Genießens ausgeschaltet. Die Leute trinken dann auch meist wie Verdurstete nach großen Anstrengungen.

Wobei sie sich hierzulande mit barbarischen Trinksprüchen wie „Hinein, Onkel Otto!“ oder „Hoch die Tassen!“ anfeuern. Feine Leute natürlich sagen nur „Cheerio“ und denken sich ihr Teil. (Der anfeuernde Sportschrei vom Fußballplatz hat also auch bei den Trinksitten gesiegt. Gewiß, die Schnapsgebete der Scholaren waren einst auch nicht ohne, aber sie waren doch wenigstens gereimt, was als Milderungsgrund gelten kann.)

Die Entwicklung ging, was den Cocktail betrifft, schon einen Schritt weiter. Man braucht keine Rezepte mehr. Denn jetzt kann man den fertig gemixten Cocktail betriebsfertig in Fläschchen und Flaschen beziehen, die zum Teil Shakerform haben und entzückend anzusehen sind, und die auch in der Verpackung der „Poesie“ des Alkohols gerecht zu werden suchen. Man wird sagen, die schönste Poesie des Alkohols sei der Staub, der auf Flaschen alten Bordeaux’ oder Burgunders liegt, der Staub (das Symbol des Anfangs und des Endes der Dinge), der den feurigen Geist wie ein Mantel schirmt und umkleidet. (Nein, mit Zellophan ist bei solchen Zeremonien mit altem Wein nichts zu machen!)

Der Cocktail ist eine Sache mit Beschleunigungseffekt. Da soll rasch Alkohol ins Blut gespült werden. Nie hörte man von Meditationen beim Cocktail. Wieviel Gedanken, Überlegungen, Pläne, Illusionen, Dichtungen, Einfälle und Geschäftsabschlüsse aber hat der Wein in die Welt gebracht, der Wein – mag er nun vom Rhein oder von der Mosel kommen oder die flüssige Sonne des Südens sein.

Untersuchungen, ob die Menschen früher mehr „vertrugen“ als heute, führten zu keinen einwandfreien Ergebnissen. Ohne Zweifel hat die Zeit der „großen Zecher“ sich in eine Zeit der „raschen Zedier“ verwandelt.