Von Karl N. Nicolaus

Ihr leben jungen Leute! Es ist offensichtlich, daß Ihr Euch heiß und innig liebt, und Ihr macht Euch auch keine Mühe mehr, es zu verbergen. Am deutlichsten wird es, wenn Ihr abends am Fernsehapparat, sofern „Liebesgeschichten“ aus dem Leben Eurer törichten Vorfahren gesendet werden, nicht mehr „wie die Heupferde“ wiehert, sondern ein betroffener Ausdruck sich auf Euren Gesichtern einnistet, als wolltet Ihr sagen: „Um Himmels willen, das Soll die Liebe sein!“

Ja, meine Lieben, die ach so törichten Vorfahren hatten noch ein verdammt strapaziöses Innenleben. Auch kannten sie den Segen des Testverfahrens in der Liebe noch nicht. Und sie waren gezwungen, sich alles selbst auszuprobieren. Euch müssen sie erscheinen wie Schiffbrüchige, die an einem Gestade angespült sind und die sich – ohne wesentliches Handwerkszeug – nackt einen Weg durch Urwald und Dschungel bahnen müssen, wie sie in alten Märchenbüchern beschrieben sind.

Stellt Euch vor, meine Lieben: Einem jungen Mädchen von damals stand eine Unzahl von Männern gegenüber, von denen es nichts wußte als wie sie aussahen. Dem jungen Mann ging es Ähnlich. Und bei den abendlichen Zusammenkünften, die „Bälle“ – später auch Parties – hießen, war es noch nicht üblich, den „E-Test“ als hübschen Gold- oder Silberschmuck (mit Leuchtziffern) an der Abendkleidung zu tragen.

„Welche barbarisch“ Verschwendung von Energien“ werdet Ihr mit Recht sagen, „Da gerieten ja Menschen näher aneinander, von denen man von vornherein wußte, daß sie nicht miteinander harmonieren können!“ – Wie recht Ihr habt, meine Lieben! Ihr natürlich wißt, daß der Spielraum klein ist. Ihr wißt, daß ein Mädchen mit dem E-Test (Erotischen Test) 37 nur Partner mit dem E-Test zwischen 34 und 40 wählen darf. Das ist wenig bei insgesamt nahezu 700 E-Test-Ziffern. Und Ihr lest ja täglich, wie sehr unsere Wissenschaft bemüht ist. diese haarsträubende Ungenauigkeit zu beseitigen und durch Einführung vieler neuer Untergruppen schon abstrakt im Laboratorium dies genaue Testzahl festzulegen, die für jeden jungen Menschen die Partner (beziehungsweise die Partnerinnen) haben müssen. So braucht Ihr Guten dann also nur nach der korrespondierenden Zahl zu suchen und nicht mehr nach rechts und links zu schauen.

Wenn ich den Gleichtakt Eures Gefühlslebens sehe, meine Lieben, so kann ich nur ein dreimaliges „Wehe!“ rufen über die Unruhe, die einst in den Gemütern der jungen Menschen war. Als ich jung war, glaubten die Liebenden, sie erlebten die Schaffung der Welt ganz privat für sich noch einmal.

Dann kam die Zeit, da machte sich die Herrschaft der Masken breit. Da liebte jeder junge Mann einen weiblichen Filmstar, und die junge Dame, die er zu lieben bereit war, mußte sich diesem Star möglichst angleichen. Und umgekehrt war es genau so! Es kam dann die Zeit, wo die großen „Kosmetik-Therapisten“ wahre Triumphe feierten, indem sie vor den „Liebesnächten“, – so nannto man derlei früher, und Ihr lacht mit Recht über diese Zeitverschwendung, – die Damen in die jeweils begehrten Filmstars verwandelten (und die Herren natürlich auch). Es war dies die Zeit, da Chemie, Physik und Medizin Grandioses leisteten in der Umgestaltung des menschlichen Äußeren.