Brief an ein Liebespaar von 1999

Von Karl N. Nicolaus

Ihr leben jungen Leute! Es ist offensichtlich, daß Ihr Euch heiß und innig liebt, und Ihr macht Euch auch keine Mühe mehr, es zu verbergen. Am deutlichsten wird es, wenn Ihr abends am Fernsehapparat, sofern „Liebesgeschichten“ aus dem Leben Eurer törichten Vorfahren gesendet werden, nicht mehr „wie die Heupferde“ wiehert, sondern ein betroffener Ausdruck sich auf Euren Gesichtern einnistet, als wolltet Ihr sagen: „Um Himmels willen, das Soll die Liebe sein!“

Ja, meine Lieben, die ach so törichten Vorfahren hatten noch ein verdammt strapaziöses Innenleben. Auch kannten sie den Segen des Testverfahrens in der Liebe noch nicht. Und sie waren gezwungen, sich alles selbst auszuprobieren. Euch müssen sie erscheinen wie Schiffbrüchige, die an einem Gestade angespült sind und die sich – ohne wesentliches Handwerkszeug – nackt einen Weg durch Urwald und Dschungel bahnen müssen, wie sie in alten Märchenbüchern beschrieben sind.

Stellt Euch vor, meine Lieben: Einem jungen Mädchen von damals stand eine Unzahl von Männern gegenüber, von denen es nichts wußte als wie sie aussahen. Dem jungen Mann ging es Ähnlich. Und bei den abendlichen Zusammenkünften, die „Bälle“ – später auch Parties – hießen, war es noch nicht üblich, den „E-Test“ als hübschen Gold- oder Silberschmuck (mit Leuchtziffern) an der Abendkleidung zu tragen.

„Welche barbarisch“ Verschwendung von Energien“ werdet Ihr mit Recht sagen, „Da gerieten ja Menschen näher aneinander, von denen man von vornherein wußte, daß sie nicht miteinander harmonieren können!“ – Wie recht Ihr habt, meine Lieben! Ihr natürlich wißt, daß der Spielraum klein ist. Ihr wißt, daß ein Mädchen mit dem E-Test (Erotischen Test) 37 nur Partner mit dem E-Test zwischen 34 und 40 wählen darf. Das ist wenig bei insgesamt nahezu 700 E-Test-Ziffern. Und Ihr lest ja täglich, wie sehr unsere Wissenschaft bemüht ist. diese haarsträubende Ungenauigkeit zu beseitigen und durch Einführung vieler neuer Untergruppen schon abstrakt im Laboratorium dies genaue Testzahl festzulegen, die für jeden jungen Menschen die Partner (beziehungsweise die Partnerinnen) haben müssen. So braucht Ihr Guten dann also nur nach der korrespondierenden Zahl zu suchen und nicht mehr nach rechts und links zu schauen.

Wenn ich den Gleichtakt Eures Gefühlslebens sehe, meine Lieben, so kann ich nur ein dreimaliges „Wehe!“ rufen über die Unruhe, die einst in den Gemütern der jungen Menschen war. Als ich jung war, glaubten die Liebenden, sie erlebten die Schaffung der Welt ganz privat für sich noch einmal.

Dann kam die Zeit, da machte sich die Herrschaft der Masken breit. Da liebte jeder junge Mann einen weiblichen Filmstar, und die junge Dame, die er zu lieben bereit war, mußte sich diesem Star möglichst angleichen. Und umgekehrt war es genau so! Es kam dann die Zeit, wo die großen „Kosmetik-Therapisten“ wahre Triumphe feierten, indem sie vor den „Liebesnächten“, – so nannto man derlei früher, und Ihr lacht mit Recht über diese Zeitverschwendung, – die Damen in die jeweils begehrten Filmstars verwandelten (und die Herren natürlich auch). Es war dies die Zeit, da Chemie, Physik und Medizin Grandioses leisteten in der Umgestaltung des menschlichen Äußeren.

Brief an ein Liebespaar von 1999

Ihr, meine Lieben, seid dieses Unfugs enthoben. Ench garantiert die Testzahl jedes Glück, das denkbar ist. – Nur manchmal wird Euch das Benehmen unserer E-Test-Obrigkeit als hart erscheinen, wenn sie Rückfällige, die plötzlich die E-Test-Ordnung durch persönliche Narreteien (die man früher „Leidenschaften“ nannte) zu recht, versuchen, hart anfaßt. Ist es nicht gerecht, solche Geisteskranken in unbemannte Welt-Sternenraum einzulöten und in den unbewohnten Sternenraum hinauszuschießen? Sollen sie sehen, wo sie bleiben – sie die vom „Ozean der Gefühle“ faseln, wie sie und aus schlechten Biebern von früher aufgefischt und natürlich völlig falsch verstanden haben.

Meine Lieben, ich bewundere, wenn ich Euch so ansehe, die Exaktheit der Forschung, die Euch leitet. Darf ich sagen, daß die Fernsteuerung Eurer Gemüter mir Hochachtung abnötigt? Laßt Euch nicht irremachen durch Banditen und Rebellen, die Euch weismachen wollen, man könne, was die Liebe betrifft, auch außerhalb der für Euch ermittelten Testtahlen „wildern“. Das Ergebnis ist nichts als Zeitverschwendung. Und sie ist bekanntlich mit Recht als die schrecklichste Sünde gebrandmarkt worden.

Laßt Euch nicht einreden, der Mond habe etwas mit der Liebe zu tun (Ihr wißt genau, wie es auf dem Mond aussieht), und das Herz der Mädchen müsse schneller gehen, wenn sie den „Geliebten“ (so schreckliche Worte hatten sie früher für das E-Test-Komplement) kommen sehen. Laßt Euch nicht einreden, daß das Berühren der Hände oder der Haut dabei eine Rolle spiele. Es ist alles Unsinn. Es gibt nur eine Wahrheit und das ist die Formel.

Und noch eins: Was die Fortpflanzung betrifft, so wißt Ihr, daß sie durch Röhrchen und Retorten im Laboratorium erfolgt. In alten Schriften glaubten die Menschen, daß der Klapperstorch – welch lächerliches Bild! – die Kinder brachte oder daß sie vermittels Liebe in den bakterienstrotzenden Betten der Vergangenheit irgendwie zuwege gebracht worden wären. Wie töricht die Menschen waren, werdet Ihr wiederum mit Recht sagen – meine Lieben! Als ob im Dunkeln der unhygienischen Betten etwas Wesentliches für den Fortschritt der Menschheit je hätte getan werden können! Ich bewundere den in Euch hochgezüchteten Instinkt für Hygiene, meine Lieben. Auch die später erfundenen Diwane stehen, was die Vorsichtflutlichkeit des Rituals betraf, den Betten nicht wesentlich nach.

So schließe ich denn, meine Lieben, und grüße Euch

als Euer stets von neuem staunender

Vorfahre N.

PS.: Nur Euch beiden gesagt, meine Lieben, die bewußte „Zeitverschwendung“, wie Ihr es nennt, war reizend, und ich möchte sie um nichts in der Welt in meinen Erinnerungen missen. Auch fand ich stets Betten und Diwane keineswegs so unhygienisch, wie sie Buch erscheinen. Auch ist nicht alles wahr, was sie Euch über die „Funktion der Haut“ erzählen. Versucht es einmal mit einem Streicheln. Aber tut es insgeheim. Da liegen Atomkräfte auf der Lauer, meine lieben, von denen Ihr nichts ahnt. Aber ich mache Euch ja unglücklich, denn ich will Euch verleiten, außerhalb der Norm zu tanzen. Das aber führt zu nichts!