Am 14. August fanden in Westdeutschland die Wahlen zum ersten deutschen Bundestag statt. Nach seinem Zusammentritt wählten die Abgeordneten Professor Heuß zum Bundespräsidenten und Dr. Adenauer zum Bundeskanzler. Sowjetrußland sandte Protestnoten an die westlichen Alliierten, durch die Schaffung eines selbständig gen deutschen Bundesstaates, der aus den drei westlichen Zonen bestehe, werde das Potsdamer Abkommen verletzt. Die Noten wurden zurückgewiesen. Daraufhin ließ der Kreml, ohne Wahlen, von dem willkürlich zusammengesetzten Volksrat die Deutsche Demokratische Republik der Sowjetzone ausrufen, Pieck wurde Präsident, Grotewohl Ministerpräsident. Auch hinterher fanden Wahlen, die sogar in der Verfassung dieses Vasallenstaates vorgesehen waren, nicht statt. Der vorhandene Volksrat konstituierte sich ganz einfach als Volkskammer. Die Zentralverwaltung des Inneren, die bisher schon Inhaberin der Macht gewesen war, blieb gleichfalls unverändert bestehen. Auch in der Militärverwaltung unter General Tschuikow traten keine Änderungen ein, nur wechselte sie den Namen und nannte sich nunmehr Sowjetische Kontrollkommission. Daß die neue Sowjetzonenregierung einen Außenminister hat – bezeichnenderweise wegen der Unwichtigkeit des Amtes ein Mitglied der Ost-CDU –, daß sie bei der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten, ja sogar in Peking, Diplomaten akkreditieren lassen und selbst Gesandte akkreditieren kann, ändert an dem bisherigen Bilde gleichfalls nichts, da die Außenpolitik der Sowjetblockstaaten, die wirtschaftliche wie die politische, stets im Kreml gemacht wurde und auch weiter gemacht werden wird.

Um der freien Schöpfung eines westdeutschen Staates zu begegnen, hatte Moskau keine andere Möglichkeit, als die bisherige Verwaltung mit neuen leeren Namen aufzuputzen. Auch dies war zweifellos im Urteil der Welt und des deutschen Volkes eine neue Niederlage des Kremls.

Wie also steht augenblicklich der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten? Wie sind die Aussichten für seinen Ausgang? Wird er weiter ohne Waffen ausgetragen werden oder müssen wir mit dem Grauen eines neuen Krieges rechnen?

Nach seiner Rückkehr von einer Reise nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien sagte Bandit Nehru im Dezember in Neu-Delhis „Ich sehe keine Möglichkeit für einen militärischen Weltkonflikt.“ Pandit Nehru ist ein großer. Staatsmann, und es spricht eigentlich alles dafür, daß er recht hat.

Die Sowjetunion steht vor Riesenaufgaben, an die sie all ihre Kräfte wenden muß, wenn sie sie auch nur zum Teil bewältigen will. Qui trop embrasse, mal étreint, wer zuviel umarmt, kann nichts mehr richtig an sich pressen. Rotchina mit 450 Millionen Menschen wartet darauf, aufgebaut oder vielmehr zunächst einmal aus’seinem entsetzlichen Elend herausgerissen zu werden. Ein fast 40 Jahre währender Bürgerkrieg, die Zerstörung, die er über das ganze Reich, über seine Landwirtschaft ebenso wie seine Industrie, vor allem für das ganze Verkehrsnetz gebracht hat, haben das Land auf weite Strecken hin verwüstet. Bitterer Hunger herrscht in den meisten Gegenden. Moskau, so ist es unzähligen Millionen versprochen, wird ihn stillen.

Die Sowjetunion, so sagte Malenkow in seiner Festrede zur Revolutionsfeier, sammele den Überschuß überwältigend guter Ernten in ihren Silos. Das sei bessere Munition als Atombomben. Gut – aber wie soll dieses Getreide nach China kommen, wie soll es dort verteilt werden? Was alles an Verkehrsmitteln, an rollendem Material, zu bauenden oder zu reparierenden Brücken, Schienen und Straßen ist dazu erforderlich! Zur gleichen Zeit müssen die von den Japanern geplünderten Fabrikhallen mit neuen Maschinen gefüllt werden – qui trop embrasse mal étreint. Die europäischen Satellitenstaaten sind bisher schon ausgepreßt worden, der Kreml wird versuchen, den Druck erheblich zu verstärken. Schon hat die deutsche Sowjetzone die Auflage bekommen, optische Instrumente und Fabrikeinrichtungen nach Rotchina zu liefern.

Dieser ständig sich verstärkende Druck aber, wie die damit notwendigerweise fortschreitende Verelendung der Völker innerhalb des Sowjets blockes bergen erhebliche Gefahren für die Suprematie des Kremls: beide fördern den Geist des Titoismus. Denn was ist dieser Geist ursprünglich anderes gewesen als der Widerstand gegen die Ausplünderung durch die Sowjetunion? Wie gefährlich die Versuchungen sind, die in ihm liegen, zeigen die Parteisäuberungen, die in den Satellitenstaaten an der Tagesordnung sind und sich dort geradezu überstürzen, die aber auch in den kommunistischen Parteien der westlichen Länder, in der Diaspora also, mit großer Schärfe durchgeführt werden. Die Einstellung des Bürgerkrieges in Griechenland ist nicht nur amerikanischer Hilfe und der tapferen griechischen Armee zu verdanken, sondern auch dem Abfall Marschall Titos.