Yukon, Anno 2000 Meine Damen und Herren! Ich habe Sie in der vorigen Stunde bis an das Ende des präexistentialistischen Zeitalters der Philosophie geführt, und wir treten nun heute gemeinsam an die Schwelle der jüngsten philosophischen Epoche, die nicht zufällig genau in der Mitte des nun abgelaufenen Jahrhunderts begonnen hat. Denn eben damals, so um 1950, kam eine Reihe von Ereignissen zusammen, die die geistige Entwicklung der Menschheit endgültig aus dem Stadium blinder Vernunftgläubigkeit herausgeführt hat.

Für einen Menschen der Jahrtausendwende ist es schwer, sich vorzustellen, daß man bis etwa 1950 angenommen hat, man könne die Probleme des Lebens durch einen Gehirnprozeß meistern, den man „logisches Denken“ nannte. Es bedurfte, wie Sie wissen, erst zweier Weltkriege, um diesen atavistischen Tendenzen ein Ende zu machen. Die kindliche Meinung, daß die Welt vernünftig geworden sei, hatte eine Katastrophe nach der andern gebracht, und so konnte sich endlich der Protest gegen den alteingewurzelten Aberglauben Gehör verschaffen.

Er war zunächst im Schoße einer Menschenklasse geäußert worden, die heute gottlob nicht mehr besteht: bei den „Philosophen“. Eine Art von Palastrevolution bereitete sich schon nach dem ersten Weltkrieg vor. Die Verschwörer erkannten einander an dem Losungswort „Existenz“, das zunächst nicht weiter auffiel.

Wahrscheinlich wäre die Existenzphilosophie“ eine flüchtige Episode geblieben, wenn ihr nicht aus der Tiefe des Unterbewußten in den Massen eine Bewegung geantwortet hätte, deren epochale Bedeutung noch immer nicht genügend anerkannt ist, obwohl oder gerade weil sie das Leben der Menschheit von Grund auf umgeformt hat. Ich meine die Toto-Bewegung.

Sie begann, bezeichnenderweise von den „Philosophen“ zunächst unbeachtet, kurz vor der Jahrhundertmitte, und zwar in Deutschland, das damit zum letzten und endgültigen Male der Welt den Weg in ein neues Reich des Geistes zeigte. Der Toto, zunächst noch, als Fußball-Toto, im unscheinbaren Gewande eines Vergnügens für Sportfreunde entstanden, konnte in wenigen Jahren das Symbol für eine Erneuerung des Lebensgefühls werden. Auch im Sport hatte man bis zur Mitte des Jahrhunderts noch dem Aberglauben gehuldigt, es käme auf Können, Sachverstand und die Fähigkeit an, aus gegebenen Tatsachen richtige Schlüsse zu ziehen. Der Toto widerlegte das schlagender, als alle Argumente das vermocht hätten (denn Argumente haben ja selbst noch die Schlacken der Logik an sich). Der Würfel zeigte sich allen Funktionen des menschlichen Geistes überlegen. Hausfrauen, die mit der Materie des Fußballsports auch nicht den mindesten Kontakt hatten, übertrugen das Kreuzstichmuster, an dem sie arbeiteten, auf den Wettschein und gewannen Zehntausende.

Schon im Jahr 1950 wurde das Toto-Verfahren auf viele andere Gebiete erweitert. Zeitraubende Wirtschaftsplanungen ersparte man sich, seitdem es sich erwiesen hatte, daß das Kreuzstichmuster der Gattin eines Generaldirektors die mutmaßliche Rendite der Produktion viel zutreffender angegeben hatte als die viele hundert Manuskriptseiten starke Denkschrift der Sachbearbeiter. Zuletzt 1957 drang das Toto-Prinzip auch in die Politik ein, nachdem es endlich gelungen war, die Jerusalem-Frage statt durch Internationalisierungspläne und diplomatische Verhandlungen durch Abzählen an Knöpfen zu lösen.

Die Existenzphilosophie, gleichsam die Prophetie dieser größten Revolution der Weltgeschichte, war durch die Ereignisse glänzend bestätigt. Die prophetischen Schriften, die zur Zeit ihres Erscheinens noch von vielen Zurückgebliebenen als Erzeugnisse einer „Mode“ bespöttelt worden waren, gingen bald nach 1950 über die ganze Welt. Ich nenne nur einige markante Daten: 1955 wurde Sartre ins Tibetanische übersetzt, 1958 erschien die Suaheli-Ausgabe von Jaspers und 1960 erhielt die beispiellose Entwicklung ihren Abschluß mit der Übersetzung sämtlicher Heideggerschen Werke ins Deutsche.

Eben um diese Zeit wurde auch die Wortprägung gefunden, die das Zusammentreffen der beiden Revolutionen – die Entdeckung der Existenz und die Erfindung des Totos – so glücklich bezeichnet: die Menschheit trat in das Zeitalter des totalen Existentialismus ein.