Nein, o njet, es mache keinen Unterschied, ob er den Tee aus dicken Bahnhofstassen trinke oder aus feinem Porzellan. Der russiche Offizier, der in Berlin-Dahlem oft Freunde besuchte, als der Verkehr mit der deutschen Bevölkerung schließlich erlaubt war (er war übrigens ein besonderer Verehrer der französischen Impressionisten), schüttelte erstaunt den Kopf darüber, daß er überhaupt gefragt worden war. Er hatte sein Leben lang den geliebten Tee aus dicken Tassen getrunken. Nun saß er in Berlin und balancierte das hauchzarte Meißner in der schweren Hand. Dann stellte er es achtlos beiseite...

Aber wir – wir erinnern uns nur zu gut: Lange Jahre Entwöhnung haben nicht ausgereicht, uns vergessen zu lassen. Wieviel Jahre, wieviel Generationen gehören wohl dazu, unseren Geschmack umzuformen? Im Jahre 1709 fand die Wiederentdeckung des Porzellans für Europa in Meißen statt. Aber seitdem war es nicht allgemein üblich, in den Familien von Porzellan zu essen, nur an den Fürstenhöfen und bei den Reichen war es zu finden. Die anderen aßen von Zinn. Von Zinngeschirr zu essen – schon der Gedanke verursacht uns einen leichten Metallgeschmack im Mund. Und wir sind geneigt, dem Goldmacher und Alchimisten Böttger einige Grüße in das Jenseits nachzuschicken. Ihm gelang die Kunst, aus drei so ungebärdigen Stoffen wie Feldspat, Quarz und Kaolin unter Einwirkung feuriger Glut die sanfte Weiße des Porzellans zu schaffen. Und schon war das Rokoko von einem Fieber der Leidenschaft für dieses zerbrechliche Material erfaßt. Wir kennen heute nicht mehr jene überhitzten ästhetischen Sehnsüchte; wir sind ganz vorsichtig gegenüber den Versuchungen, uns wieder mit schönen Gegenständen zu umgeben. Aber auch im Jahre 1950 können wir das Verlangen nach Behaglichkeit nach einer gemütlichen Häuslichkeit nicht leugnen, Dazu gehört gelegentlich Geselligkeit und ein festlich gedeckter Tisch. Sehr viele sind von der Erfüllung solcher Wünsche weit entfernt. Aber da die meisten bei dem Punkt Null wieder angefangen haben, ist die rechtzeitige Überlegung die große Chance, uns mit ausgewählten Gegenständen zu umgeben, die uns – wie wir auch diesmal hoffen – für die Dauer unseres weiteren Lebens begleiten sollen.

In ihren besonders schönen und zweckvollen Formen sind die Porzellane der Staatlichen Manufaktur in Berlin für den kultivierten Geschmack ein ästhetischer Genuß. Die Fabrik in der Wegelystraße zu Berlin, die im Krieg bis auf die Brennöfen sehr stark zerstört und ausgebrannt war, ist von dem alten Stamm ihrer Arbeiter wieder aufgeräumt und aufgebaut worden. Während die Musterstücke ihrer sämtlichen seit 1763 hergestellten Porzellane, die in den Tresoranlagen der Reichsbank lagerten, nach Rußland transportiert wurden, sind die in die Gegend von Halle ausgelagerten Modelle – wo auch das Kaolin herkommt – nach langen Verhandlungen nach Berlin zurückgegeben worden. Die Fabrik arbeitet heute mit etwa zweihundert ihrer einstigen Fachkräfte und hat schwere Existenzsorgen. Es fehlt nicht an Rohstoffen – sogar der schwedische Feldspat, der zusammen mit einem besonders hohen Verbrennungsgrad die besondere Qualität und Haltbarkeit dieses berühmten Porzellans garantiert – ist noch ausreichend vorhanden, es fehlen jedoch die Absatzmöglichkeiten, da die Ostzone hier nicht in Frage kommt und der Westen auch in diesem Fall das Spiel von dem Igel spielt und die westlichen Manufakturen rufen läßt: „Wir sind schon hier.“ Die Exportaufträge aber beginnen spärlich. So hilft sich die Manufaktur heute mit der erhöhten Herstellung von technischem Porzellan, das besonders in der Elektrotechnik, immer mehr gebraucht wird. So muß auch hier eine handfeste Produktion die Grundlagen schaffen, ein edles Kunsthandwerk am Leben zu halten. Unter Wahrung der alten Tradition versucht man indessen zugleich nach neuen Entwürfen, formschöne Gedecke, Tassen und Teller, Vasen und Figuren herzustellen, die der zeitgemäßen Kaufkraft der Bevölkerung angepaßt sind. Sie tragen als Zeichen noch heute das der Manufaktur von Friedrich dem Großen bei ihrer Gründung verliehene blaue Zepter.

Ob zarte Teeschale oder Bahnhofstasse – dies ist nicht nur eine Frage der wirtschaftlichen Möglichkeiten, sondern auch der Kultur; eine Frage, die nicht nur die Geldbörse des einzelnen, sondern sein Geschmack entscheidet. eka