Von Axel Eggebrecht

Axel Eggebrecht – Autor vieler Filmdrehbücher vor und während des Krieges – ist nach 1945 mit zeitsatirischen Hörspielen in den Vordergrund getreten: „Was wäre wenn...?“, „Wenn wir wollen“ und „Das Jahr 1948 findet nicht statt“. Seine neueste Arbeit, das Hörspiel „Auf halbem Wege“, versucht, die Gespräche von vier großen Gestalten des Humanismus, Bocaccio, Montaigne (Michel), Leonardo und Machiavelli (Niccolo), festzuhalten, die sie geführt hätten, wenn – ja wenn sie hörbar für uns zur augenblicklichen Situation Stellung nehmen könnten. Eggebrecht läßt sie eine Untersuchungskommission um Klio, die Göttin der Geschichte, bilden. In der hier veröffentlichten Szene des Hörspiels (es wird am 8. Januar 1950 vom Südwest-Funk zuerst gesendet werden) ist das Gespräch der „Untersuchungskommission“ auf die Ost-West-Spannung gekommen.

Niccolo (hart): Die Schlucht zwischen West undOst ist unüberbrückbar! Sie ist – keine Propaganda! Sie ist sehr real. Und jedermann fürchtet, daß in ihr – wer weiß wie bald! – das ganze Zeitalter versinken könnte.

Michel (fest): Nein – nicht jedermann fürchtet das! Esgibt Menschen, die diese letzte, furchtbarste Teufelei des Propagandismus durchschauen – und bekämpfen. Einer von ihnen war Nicolai Berdjajeff ein Russe, ein Christ – und ein Sozialist. Kurz vor seinem Tode, 1948, sagte er über diese falsche Alternative zwischen Ost und West:

3. Sprecher: Die Menschen unserer Tage haben offenbar ein so geringes Vorstellungsvermögen, daß sie sich außer Kapitalismus und Marxismus keine Lösung vorstellen können. Sie zeigen gegenüber der Zukunft sehr wenig schöpferische Phantasie.

Michel: Und nun kommt das Wichtigste.

3. Sprecher: Alle haben schuld und sollten ihre Schuld einsehen. Die Spaltung in eine westliche und östliche Welt kann keine Teilung in ein Reich des Lichts und ein Reich der Finsternis bedeuten. Eine Völkervereinigung, die ein Bund kapitalistischer Staaten wäre, ist nicht möglich und nicht erwünscht. Die Lösung müßte auch das Richtige am Kommunismus erkennen. Sie sollte anerkennen, daß Sowjetrußland vor der Welt ein großes Thema aufgeworfen hat.