Von Kurt Kusenberg

Aus dem Äther erreicht uns kurz vor Redaktionsschluß noch folgende Meldung, die angeblich aus dem Jahre 1985 stammt. Wir geben sie mit allem Vorbehalt wieder, da sie den grundsätzlichen Ausführungen des Präsidenten des Vereinigten Europas vom Jahre 2000, die wir auf Seite 10 veröffentlichen, auf eine Weise widerspricht, der nachzuforschen wir keine Zeit mehr haben.

Die Zeit!“ rief Herr Müller aus. Er meinte damit nicht das Hamburger Blatt gleichen mit Namens, das bis zum ersten Atomkrieg regelmäßig und danach unregelmäßig erschienen war – er meinte tatsächlich die Zeit. „In zwölf Minuten ist es zwölf, und dann wird gefeiert. Wer also noch etwas vorzubringen hat, der tue es.“

Herr Müller war kein Geringerer als der Präsident der Weltregierung, die man damals, nach den beiden großen Katastrophen, recht zwanglos zu wählen pflegte, nämlich durchs Los. Zuerst wurde das Land ausgelost, welches den Präsidenten stellen sollte, dann der Präsident selber; sein Ministerium wählte man auf die gleiche Art. Und so war eben das Los auf Herrn Müller gefallen, einen kleinen Handelsvertreter aus Mainz. Irgendeiner mußte es ja sein, damit das planetarische Gemeinwesen ordentlich verwaltet wurde. Viel zu regieren gab es ohnehin nicht, denn die Erde war verödet und menschenleer.

Da das Los die Insel Madeira zum Sitz der Weltregierung bestimmt hatte, saß das ganze Kabinett dort in einer Blockhütte beisammen, hemdsärmelig, rauchend, und trank Apfelmost aus Mainz. Später sollte Schaumwein getrunken werden. Es war Silvesterabend.

„Ich schlage vor“, sprach Signor Rossi, Minister für Nachbarschaftshilfe, „daß wir die Kühe als heilig erklären. Sie sind so selten geworden.“

Herr Müller nickte. „Meinetwegen. Wir können aber nicht alles für heilig erklären, was selten geworden ist, denn es ist alles selten geworden, sogar der Mensch. Aber meinetwegen.“