Die ideale Lösung

Von Rudolf Schneider-Scheide

Zu jener Zeit, als Lemurien (es liegt hinter dem

Mond) dreißig Millionen Erwerbslose hatte, schlug der verblüffende Gedanke durch, daß die Massen allein es seien, welche die Schuld an dem unwürdigen, jede Konjunktur unterhöhlenden Zustand trugen. In einer glänzend besuchten Versammlung der obersten Finanzleute Lemurias führte Professor X. P. Dunhirne, der berühmteste Nationalökonom des Landes, aus, den Massen, diesen Biestern, fehle ganz einfach die Lust zum Kaufen, keineswegs die Kraft; sie hätten alles, und noch einiges dazu, und daher komme die ganze Dauerkrise, der ewige Schweinestall, mit einem Wort. – Wenn beispielsweise, dozierte Dunhirne unter dem aufflammenden Beifall seines erlesenen Publikums, die Massen, diese Biester, keine Stiefel hätten, um ihre ungewaschenen Füße darin, zu verstecken, dann würden sie – verdammt noch mal – trotz allem angeblichen Geldmangel morgen schon dahergerannt kommen, um sich Futterale für ihre Gehwerkzeuge zu beschaffen. – „Wenn beispielsweise“, trompetete er, „die Massen keine Unterhosen ...“, aber da hustete eine Dame in der vordersten Reihe, und Dunhirne führte seinen Vergleich nicht weiter durch. Es leuchtete trotzdem allen ein, was er hatte sagen wollen.

Dunhirne konnte jedoch auch praktische Vorschläge machen. Da leider angenommen werden mußte, daß die sture Masse nicht so ohne weiteres dahinzubringen war, ihre Stiefel in das Weltmeer zu werfen, um sich neue zu kaufen, mußte anders vorgegangen werden. Dunhirne schlug die Gründung eines Komitees vor, das unter dem Namen „Menschdichwerdenwirschonzumeinkaufenbringen komitee“ später zu so großer Bedeutung in der lemurischen Wirtschaft gelangte, und dessen Methoden etwa in dem überraschend einfachen Gedanken gipfelten: Würden nur solche Hemden verkauft werden, die beim Anziehen sofort aus dem Leim gehen, so wäre naturgemäß bei jedem Hemdenträger wieder das echte Bedürfnis nach einem neuen Hemd vorhanden. Das Komitee arbeitete unter Anleitung Dunhirnes einige Punkte aus, die als die Grundpfeiler der kommenden Wirtschaftsordnung lebhaftesten Anklang fanden. Sie lauteten:

1. Die Kauflust kann auf legale Weise geweckt werden durch Verschleiß.

2. Dem möglichen Verschleiß sind keine Grenzen gesetzt, sofern die Ware ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt hergestellt wird.

3. Der Verschleißgesichtspunkt muß im Interesse der Wirtschaft von sämtlichen Produzenten aufgenommen und strengstens durchgeführt werden.

Die ideale Lösung

4. Schmutzkonkurrenz in Form von Herstellung sogenannter Qualitätsware ist mit allen Mitteln und aller Rücksichtslosigkeit zu bekämpfen.

In der gesamten lemurischen Presse wurde die Dunhirne-Theorie eingehend besprochen und bejubelt, wenn auch mit einiger Zurückhaltung in bezug auf die Details; es hieß allgemein, sie könne nur mit dem Ei des Kolumbus verglichen werden, und ihre geniale Durchschlagskraft lag ja auch auf der Hand. Beispiele bewiesen es: Da produzierte eine mittlere Schuhfabrik mühelos drei Millionen Schuhe im Monat, die mindestens zwei Monate lang zusammenhielten. Die natürliche Folge war, daß nur ein Bruchteil der hergestellten Ware verkauft werden konnte. Absatzstockung also, und als weitere Folge: Stilllegung der Hälfte des Betriebs. Wären die Schuhe hingegen qualitativ so gering gewesen, daß sie bereits nach acht oder vierzehn Tagen in Fetzen von den Füßen gehangen wären, so hätte dies – vorausgesetzt, daß alle Schuhfirmen das neue Geschäftsprinzip befolgten – zur zwangsläufigen Folge gehabt: Steigerung des Bedarfs, Neueinstellung vieler Arbeiter, glänzenden Verkauf, Florieren des Betriebs. Es war nichts dagegen einzuwenden: Mochte die Qualitätsarbeit einen Schimmer von Berechtigung gehabt haben, als alles nur mühevoll beschafft werden konnte, im Zeitalter der Technik mußte die von dem Menschzusammengefaßte Lehre vom Konsum an ihre Stelle treten. Und sie tat es auch.

Kaum zwei Jahre nach jenem epochalen Vortrag Dunhirnes waren von den ehemals dreißig Millionen Arbeitslosen neunundzwanzig Millionen untergebracht. Der Rest bestand aus Neuzugängen, die zumeist ganz anderen Schichten angehörten; das waren Tapezierer, Schreiner, Handschuhmacher, in der überwiegenden Anzahl rückständige Handwerksmeister, die sich einfach dem neuen Geist der Zeit nicht anzupassen vermocht hatten.

Im übrigen begann die lemurische Industrie zu prosperieren wie noch nie. Es hatten sich nach einigem Hin und Her natürlich Standard-Typen herausgebildet, die in der gewünschten Hinsicht kaum übertroffen werden konnten. Man denke nur: Lebensdauer eines Automobils: rund acht Tage. Das hieß Aufträge. Beim ersten Regen weichten die aus lackierter Pappe gemachten Karosserien schon meistens gründlich auf. – Lebensdauer eines Überseedampfers: knapp, daß er hinüberkam. Herüber kam keiner mehr; im allgemeinen mußten die Passagiere auf hoher See in entgegenkommende Schiffe umgeladen werden. Aber die Werften schütteten phantastische Dividenden aus. – Oder, um einen kleineren Artikel zu nennen: Lebensdauer einer Uhr: ein Tag. Man kaufte sie aufgezogen, am nächsten Tag ging sie schon nicht mehr, und man warf sie weg. Das hieß Umsatz.

Natürlich hätte sich, nachdem nun allgemein nach diesen Prinzipien produziert wurde und der erste Widerstand der Käufer gebrochen war, die ganze Fabrikation bedeutend verbilligt, wenn nicht ein unvorhergesehener Umstand dazwischengetreten wäre: Die bisherigen Rohmaterialien erwiesen sich als nicht geeignet für die moderne Fabrikationsmethode. Sie waren zu dauerhaft. Man mußte sie, sofern man nicht puren Dreck verwenden konnte, zuerst ein bißchen herunterbringen. Es entstanden infolgedessen ganz neue Industrien, sogenannte Zerreiß- und Verschleißwerke, die Holz, Leder, Metall und Stein erst ordentlich mürbe machten, damit sie qualitativ nicht aus dem Rahmen der genormten Standardmarken fielen. Begreiflicherweise verteuerte das die Fabrikation, und darum war es mit dem geplanten Preisabbau leider nichts.

Als Folge davon begann man vereinzelt Barfußgeher zu sehen. Aber das mochte schließlich im Zeitalter des Luft- und Sonnenkultes Liebhaberei verschrobener Köpfe sein, und ähnlich konnte es bei den vielen liegen, die ohne Hemd und Kragen herumzulaufen begannen. Auf verwandte Bestrebungen war vielleicht auch die Zunahme der unmöblierten Wohnungen zurückzuführen. Fast alle Leute der arbeitenden Klasse zogen mit der Zeit ein Lager auf dem Fußboden den sogenannten Patentbetten vor, die allerdings eine Lebensdauer von nur dreieinhalb Nacken bei einer Durchschnittsbelastung von sechzig Kilogramm besaßen und deren immerwährende Neuanschaffung relativ kostspielig war. Bedenklicher schien, daß Sekten auftauchten, welche die Normal-Konservenkost, zu der man im Interesse des geringeren Nährwerts übergegangen war, nicht verdauen zu können behaupteten, Trupps von seltsamen Gesellen, die sich in die Wälder zurückzuziehen versuchten, um dort angeblich naturgemäß zu leben. Allerdings schob man hier durch Radikalabholzung ein für allemil einen Riegel vor. Im ganzen jedoch war das Ganze der gigantischste Erfolg, den Lemurien je gesehen hatte. Und übrigens: So war es keineswegs, daß nun überhaupt nichts mehr so gut wie nur irgend möglich gemacht worden wäre, zum Beispiel waren die Leichenautos allererste Qualität, desgleichen die kleinen niedlichen Rollcars, mit denen man Zusammengebrochene rasch und unauffällig hinwegschaffen konnte. Böse Mäuler behaupteten allerdings, daß sei nur deshalb so, weil diese Einrichtungen sonst der ungeheuren Inanspruchnahme überhaupt nicht mehr gewachsen wären. Aber – wo hat es jemals trotz allem, was erreicht wurde, nicht auch Unzufriedene gegeben? Mochten sie mit absurden Heilslehren nörgeln, soviel wie sie wollten, eines stand fest: In jenen Jahren wurde zur maßlosen Freude aller, die dabei waren, in Lemurien verdient wie noch nie; und das war ja schließlich die Hauptsache.