Von Clara Menck

Das Kunstuhrwerk, die neue Weltuhr, der hunderttausendjährige Zeitmesser ist laut einem Anschlag auf rosa Papier zu besichtigen. Das Papier ist fleckig und verblaßt, Typographie und Rechtschreibung verweisen auf den Anfang dieses Jahrhunderts, wenn nicht auf das Ende des vorigen. Das Kuriosum muß also seine vierzig bis fünfzig Jahre alt sein; der Eintrittspreis ist von Goldmark, Inflationsmillionen, Rentenmark, Reichsmark durch Überkleben auf den Gegenwartswert von einer D-Mark umgestellt. Kinder zahlen die Hälfte.

Das Kunstuhrwerk hat durch zwei Generationen seinen Mann ernährt und tut es offenbar heute noch. Es muß also etwas sehr Beständiges im Menschen sein, das hier so angesprochen wird, daß er mit einer D-Mark darauf antwortet. Vielleicht lohnt es sich zu untersuchen, welche Versprechungen in dem rosa Anschlagzettel verborgen sind. Vielleicht können wir an der Weltuhr ablesen, was die Glocke geschlagen hat.

Die technischen Angaben sind auffallend knapp: „Der innere Mechanismus besteht aus 18 Werken, die durch einen einzigen Pendel in Bewegung gesetzt werden.“ Dazu die Größenmaße: Breite 2,75 Meter, Höhe 3,50 Meter. Nicht, wie das Wunderwerk funktioniert, ist offenbar das Wichtigste; es soll keine technische Erkenntnis vermittelt werden; der innere Mechanismus bleibt verborgen. Das ist gut so, denn er unterscheidet sich nur durch eine größere Anzahl von Zahnrädern von einem Küchenwecker. Nur Kinder sieht man auf Vergnügungsdampfern fasziniert auf die stampfenden Pleuelstangen der Schiffsmaschinen starren, den nackten Leib der Technik. Für den Erwachsenen sind Motor und Maschine etwas, das man verbessern oder ausbessern kann; Gegenstände des tätigen, nicht des kontemplativen Lebens. Aber die gleichen Maschinen – mögen sie so simpel sein wie eine Nähmaschine – erregen schwindelnde Bewunderung, sobald sie „überdimensional“ sind; sie scheinen damit den Charakter der Rationalität zu verlieren, und die Faszination, die sie auslösen, hat nichts mehr mit der hausbackenen Liebe des Autofahrers zu seinem „Karren“ zu tun. Der Zauber kann auch in anderem liegen als in der Größe. Wir maskieren unsere Fabriken nicht mehr als gotische Kirchen, aber wir sind der Romantik der Stromlinie verfallen. Wir fragen nicht danach, ob sie beim Fleischwolf oder beim Staubsauger einen Sinn hat und selbst beim Auto nehmen wir für sie die größten Unbequemlichkeiten in Kauf. Beide Male, in der Größe und in der Schönheit, ist das Produkt des homo faber seinem Schöpfer in ein Eigenleben entglitten; es spricht ihn da an, wo er nicht mehr homo faber ist; und darum ist er ihm ausgeliefert. Die Stromlinie war dem Erbauer der Uhr noch unbekannt, aber er kannte die dritte und interessanteste Möglichkeit, die Technik zu überhöhen.

Das Kunstuhrwerk zeigt Sekunden, Minuten und so weiter bis zu den Schaltjahren an, „beginnend mit der ersten Sekunde des Jahres 1 und endend mit der ersten Sekunde des Jahres 100 000“. Ein schwindelnder Abgrund, der sich hier auf tut: wenn wir und unsere Urenkel nicht mehr sind, wird diese Uhr noch ticken (und hätte schon zu Christi Zeiten schlagen können, wenn man es damals schon so weit gebracht hätte). Die Angst des begrenzten Lebens schwindet vor der Dauer des von Menschenhand Geschaffenen, an dem wir durch unser Eintrittsgeld teilhaben – seltsame Umkehrung der Lehre, die das Zifferblatt alter Uhren erteilt: in einer dieser Stunden wirst du sterben.

Der Autor des rosa Zettels hat kaum gewußt, daß er hier eines der Geheimnisse der fortschrittsgläubigen Welt ausspricht: die Auflösung der menschlichen Zeit, begrenzt und bestimmt durch den Tod, in die mechanische Zeit. Aber er hat mit sicherem Instinkt gewußt, daß diese Umdeutung nicht genügt, um dem furchtbaren Phänomen der Zeit seinen Schrecken zu nehmen. Die Hauptsehenswürdigkeit der Weltuhr weist in eine andere Welt: die der menschlichen und geschichtlichen Symbole. „Sehr viele, 16 Zentimeter hohe, kunstgerecht in Lindenholz geschnitzte Figuren, welche einerseits die Zeit, anderseits das menschliche Leben versinnbildlichen, sind in 14 beweglichen Bildern dargestellt, wozu ein Engel die Vorwoche und ein Engel die Nachwoche verkündet.“ Da sind unter anderem zu sehen: der Genius, die vier Menschenalter, der Tod, der Schutzengel, der Cherub, die zwölf Apostel, der segnende Heiland, der läutende Glöckner, der betende Greis, der blasende Nachtwächter, die sieben mythologischen Wochentage, die zwölf himmlischen Zeichen, das ganze Leiden Christi, die sieben Bildnisse von der Erschaffung der Erde. Wieviel an Gefühlswerten wird hier angesprochen, welche Welt sinniererischer Mythologie tut sich da auf! Der Besucher der Kunstuhr ginge wohl kaum in eine Kunstausstellung, um eine Darstellung der „ganzen Leiden Christi“ anzusehen, vielleicht auch in keine Kirche. Aber hier, „von einem einzigen Pendel in Bewegung gesetzt“, unerwartet in fast menschlicher, fast lebendiger Bewegung ihm gegenübergestellt, fühlt er sich angerührt von Tod, Glöckner und Greis.

Aus der seltsamen Ehe der 18 Uhrwerkt, der 100 000 Jahre währenden Unendlichkeit und des blasenden Nachtwächters ist eine neue dräuende Autorität entstanden. Auf den verblaßten Rändern warnte es, links von unten nach oben: „Vor dieser Uhr darf nicht geraucht werden“ und rechts von oben nach unten: „Kinder, die auf dem Arm getragen werden, dürfen nicht mitgebracht werden.“ Ebenso autoritativ wirkt der Satz: „Besonders wird darauf aufmerksam gemacht, daß seitens der Königlichen Regierung zu Koblenz in Anbetracht, daß die Uhr ein wirkliches Kunstwerk darstellt, ein Kunstschein ausgestellt worden ist.“ Man möchte wetten, daß noch niemals jemand die Frage zu stellen wagte, was ein Kunstschein sei und wann es eine Königliche Regierung zu Koblenz gegeben habe.