In vier Millionen deutscher Familien liegt ein Schatten der Trauer über diesen Festtagen der Weihnacht und des neuen Jahres. Nicht allein um der Gefallenen des Krieges willen. – Über ihren Tod hat das Leben den Sieg davongetragen, das Leben, das uns zwingt, zu schaffen und zu sorgen, ohne rückwärts zu schauen. Nein, bitterere Tränen werden vergossen über alle die, deren Verlust nicht unabänderlich ist, die sicher – oder vielleicht – noch am Leben sind, die Kriegsgefangenen, die Verschleppten aus dem Jenseits von Oder und Neiße, die zu Jahrzehnten zu Zwangsarbeit Verurteilten, denen stumpf gewordenen Formalismus oder kalte Spekulation es verwehren, dorthin zurückzukehren, wo sie erwartet werden und wo ihre Herzen zu Hause sind. Millionen von Männern und Frauen aus Deutschland, aus Österreich und auch aus Italien. Und während ihre Familien sich in der Heimat für sie grämen, begehen die Gefangenen jenseits unserer Grenzen das fünfte Weihnachten, das fünfte Neujahr in einer Fron, deren Grund mit ihnen niemand auf dieser Welt mehr einzusehen vermag. Wieder sitzen sie in diesen Tagen in ihren Lagern um Weihnachtsbäume aus Stachel- – draht, mit traurigen Liedern und gezwungener Fröhlichkeit Männer und Frauen.

Niemand kennt ihre Zahl, das ist das Grauenhafte an diesem Schicksal. Man kann die-Heimkehrenden nicht abziehen von einer Zahl, die immer kleiner wird, bis einmal das Volk aufatmen kann in der Gewißheit: jetzt ist der letzte Gefangene, Vermißte, Verschleppte zurückgekehrt, jetzt wird kein Deutscher mehr gegen seinen Willen draußen in Lagern, Gefängnissen oder Bergwerken festgehalten. Dieses erlösende Gefühl wird uns versagt bleiben, auch wenn im kommenden Sommer – wie man uns wieder versprochen hat – die „Kriegsgefangenen“ in den Oststaaten alle entlassen sind.

Denn 4,7 Millionen Deutsche fehlen, Soldaten und Zivilisten, Männer und Frauen. Das ist soviel, wie die ganze Bevölkerung der Schweiz. Wie viele von ihnen noch am Leben sind, wir wissen es nicht, sicherlich mehr als die 500 000, die mit der Heimat in Verbindung stehen. Millionen sind in Sowjetrußland umgekommen oder umgebracht worden. Hunderttausende aber, deren Leidensweg und -ziel niemand kennt, leben auch heute noch in Verbannung und Zwangsarbeit in der hoffnungslosen Unergründlichkeit des Ostens – und wer will es den Angehörigen dieser Verschwundenen verwehren, weiter und weiter daran zu glauben, daß gerade „ihr“ Vermißter oder Gefangener doch noch unter den Lebenden ist und einmal heimkehren wird.

Unsere Aufgabe ist es nicht allein, immer wieder die Freilassung der Gefangenen zu fordern und die Heimgekehrten mit warmen Herzen in unsere Obhut zu nehmen. Größer – und viel schwerer noch – wird es sein, das Schicksal derer, die niemals mehr heimkehren dürfen, nicht zu einer ewigen Quelle des Hasses werden zu lassen, sondern uns trotz allem die christliche Liebe zu bewahren, die allein die Grundlage einer besseren, friedlichen Welt der Völker ist. C. D.