In einer märkischen Stadt, auf deren ursprünglichen Namen ich mich nicht mehr besinnen kann, die heute jedoch auf den Anruf von Sstwnnskrpochulsk hört, in jener Stadt also fand die Schönheitskonkurrenz statt, und der Teufel ritt mich, an ihr teilzunehmen. Ich hatte schon verschiedene Arten von Herzklopfen in dieser Stadt ausgehalten: als Kind, wenn ich im Matrosenkleidchen singen mußte „Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnet in Berlin...“; in späteren Jahren, wenn in der atmosphärisch bezaubernden Stadt im Schatten architektonisch bedeutender Bauten junge Gardeleutnants die Hacken vor mir zusammenknallten; in reiferen Jahren, als die Einwohner sich dadurch grüßten, daß sie zu Monumenten erstarrten und den rechten Arm herausschmissen; und endlich bei jener Gelegenheit, als die ehrwürdigen Straßenzeilen einstürzten und aus Schutt und Asche sich erstmalig das Gesicht von Sstwnnskrpochulsk erhob. Aber wie gesagt, alle jene Arten von Herzklopfen waren nichts gegen jenes, das ich vor Beginn der Schönheitskonkurrenz bekam. Sie fand auf einem Rummelplatz statt. Der bunt umzäunte Rummelplatz war dort errichtet worden, wo einst in Gärten Philosophen, Musiker und Könige spazierten, heute aber die Soldateska berauscht von der magischen Kreiselfahrt der Karusselle auf den hölzernen Pferden lang, als seien diese Ritte erlebnisreicher als das wilde Galoppieren tagsüber mit dreipferdig bespanntem Wagen auf den schadhaften Straßen.

Die ganze Stadt wurde auf das Ereignis der Schönheitskonkurrenz aufmerksam gemacht durch einen Lautsprecher, der mit orkanartiger Kraft in Abständen von fünf Minuten alles sonst Hörbare an Stimmen, Tönen und Geräuschen totschlug und den Beginn der Veranstaltung bekanntgab, während grelle Scheinwerfer auf ein schmales, erhöhtes Schaubrett Lichtstrahlen warfen, in deren brillanthellem Brennpunkt die jeweils zu bewertende Schöne stehen würde. Und dieser Brennpunkt war es, der mich anzog und mir den Wunsch einflößte, schön zu sein und zu gefallen. Die kühle Beurteilung meines Äußeren, die mich bisher vor Einbildungen bewahrt hatte, verließ mich. Ich wußte nicht mehr, daß ich ein unregelmäßiges Gesicht besaß, eine Stupsnase und Sommersprossen.

Als die Sprechmaschine meinen Namen aufrief, ließ mich die Sehnsucht fallen. Die Posaune des Jüngsten Gerichtes kann nicht stärker entsetzen. Doch nun gab es kein Zurück mehr. Während ich zu dem hellen Schaubrett emporklomm, kam eine eisige Belustigung über mich. Ich war entschlossen, mich dort oben in einer grotesken Attitüde aufzubauen, meinethalben die große Zehe in den Mund zu stecken und durch komische Posituren die Unverschämtheit meines Anspruchs zu verschleiern und die Anmaßung meiner Wünsche in der Lachsalve von Zuschauern und Preisrichtern zu begraben, sozusagen ein Harakiri meiner Eitelkeit zu begehen. Damit konnte ich dann als eine von den Veranstaltern gewollte komische Schaunummer gelten und mir einen anständigen Abgang verschaffen. Doch kaum stand ich in dem vor kurzem noch heiß begehrten gleißenden Licht, als mich der Schreck lähmte. Gleich all den andern, die da oben gestanden, einer Marionette ähnlich, tat ich gebotene Schritte, hob die Arme, zeigte mich von allen Seiten und stand still, gleichgültig, ganz entleert von Empfindungen. Eine schreckliche Stille umgab mich. Die Sicht in die Tiefe war wie der Blick durch ein umgekehrtes Fernglas: ganz weit und winzig klein saßen da unten bedrohlich viele Männer, ausschließlich Männer, ein Heer von Preisrichtern, von Richtern. Ich sah Gesichter aus meiner Kindheit, aus allen meinen Lebensjahren, die glotzten mich an. Endlich brach einer das Schweigen.

„Edith“, rief er wütend, „wie konntest du deinen Zopf abschneiden!“

Ich griff hinter meine Mähne ins Leere. Ja, ich hätte mich modisch besser orientieren sollen, ehe ich auftrat – der Zopf war anscheinend wieder in Mode gekommen, der unsterbliche Zopf, den ich mit sechzehn Jahren heimlich gegen Vaters Willen abgeschnitten hatte. Sollten die Vorwürfe nie enden? Da rückten auch schon die Lehrer heran, die ich verlacht hatte, weil sie mir prophezeiten, ich würde mit meinem wilden Temperament einst unter die Räder kommen; die Jünglinge, die ich nicht ernst genommen, die Männer, denen ich widersprochen, die Berühmten, die ich nicht verehrt hatte. Sie alle riefen: „Sie sind nicht unser Geschmack!“ Die Gardeleutnants riefen: „Haben sich unerfreulich entwickelt. Abtreten. Kehrt, marsch!“ Die Erfinder des Monumentalgroßes standen geschlossen auf und riefen mit erhobenem Arm: „Wir wollen unsere Reichseinheitsfrau sehen!“ Die Techniker forderten die genormte, die Dichter die utopische Frau. Die Philosophen schafften mich ab. Bald war ich zu groß, bald zu klein, zu blond, zu schwarz, zu rot. Ich fand keinen Beifall.

„Seht mich nicht an“, bat ich stammelnd, „ich bin nicht schön. Ich kann euch nicht gefallen. Bitte, seht mich nicht. Ich will gar nicht schön sein, ich will gut sein.“

Bei dem Worte „gut“ fiel ich vom Schaugerüst, nicht tief, und glücklicherweise in die Trümmer meines Hauses. Ich weinte darüber, daß unter den Trümmern die Brosche mit der Perle lag, von deren Verkauf ich noch lange hätte leben können. Da kam Yve herbei, der kriegsgefangene französische Gärtner. „Madame“, sagte er, „Sie waren während meiner Gefangenschaft so gut zu mir. Weinen Sie nicht, Sie sind schön. Et voilà la perle...“ Er hielt mir eine offene Hand hin, darin lag das hellblaue Ei eines Singvogels.