Paris, im Dezember

Wenige Wochen nach dem Tode Jacques VV Copeaus, des Erneuerers des französischen Theaters, verlieren die Schauspieler und die dramatischen Autoren Frankreichs mit Charles Dullin ihren besten Freund und das Publikum einen der beliebtesten Schauspieler. Der pittoreske Lebenslauf und der Charakter dieses savoyischen Bauernsohns wären der Feder Balzacs würdig. Letztgeborener von achtzehn Kindern, hat er, abgesehen von einer kurzen Periode, immer die Armut gekannt.

Besessen von dem Wunsch, ein „ernsthafter“ Schauspieler zu werden, zog er im Jahre 1903 mittellos nach Paris und debütierte in den populären Vorstadttheatern als miserabel bezahlter Statist. Als er endlich die ersten kleinen Rollen erhält, wird er krank, kehrt verzweifelt nach Lyon zurück.

Er versucht es noch einmal in Paris, und diesmal mit mehr Glück als das erstemal. Er erhält ein kleines Engagement im Odeon-Theater. Dort bemerkt Copeau ihn eines Tages, und gibt ihm die Rolle des Smerdjakoff in dem erfolgreichen Stück nach Dostojewskijs „Brüder Karamasoff“. Bald kennt ganz Paris diesen Darsteller, der, obwohl er schlecht gewachsen ist und eine scharfe, kalte Stimme hat, durch die Kraft seiner Persönlichkeit das Publikum beherrscht. Aber die eigentliche Geschichte Dullins beginnt erst im Jahre 1921, als es ihm gelingt, ein kleines verlassenes Theater auf Montmartre zu pachten, das durch ihn so berühmt gewordene „Atelier“. Jetzt kann er die Stücke wählen, die er liebt, und sie mit den jungen Kräften, die von allen Seiten als Mitarbeiter und Schüler zuströmen, einstudieren. Dullin hat die Literatur nie an die Regie verraten. Seine Inszenierungen blieben dem Geist der Texte treu, und dafür liebten ihn die zeitgenössischen Autoren, die er entdeckt hat: Achard, Passeur, Pirandello, Zimmer, Salacrou, Obey, Romains. Als Schauspieler feierte er seine größten Triumphe in Molières „Geizigem“. Solange er lebte, wollte man Harpagon, den er gut tausendmal gespielt hat, von keinem anderen sehen. Die letzten Jahre Dullins waren nicht nur durch den entsetzlichen, unheimlich wachsenden Buckel, der ihn schließlich völlig verunstaltete, verdüstert. 1941 hatte er Gelegenheit, von der Stadt Paris das große Theatre Sarah Bernhardt zu pachten. Er wollte dort Shakespeare und Calderon geben, geriet in Schulden und mußte das Theater, obwohl er die öffentliche Meinung auf seiner Seite hatte, unter peinlichen Umstanden aufgeben. Sein einziger Erfolg in diesem Hause waren Sartres „Fliegen“ gewesen.

Nach dem Kriege war Dullins Armut öffentlich bekannt. Da schrieb Armand Salacrou, dessen erstes Stück Dullin im „Atelier“ herausgebracht hatte, eigens für den buckligen Schauspieler eine Komödie „L’Archipel Lenoir“, und Margarete Jamois, die Direktrice und Hauptdarstellerin des Theatre Montparnasse, stellte, sich mit einer kleinen Rolle bescheidend, ihr Haus während einer ganzen Saison dafür zur Verfügung. Es wurde ein Erfolg, der letzte, den Dullin erlebt hat und den er der Freundschaft zu verdanken hatte, die er in die Herzen aller gesät hat, die ihn kannten. Br.