Der einundsiebzigjährige General von Falkenhausen, ehemals Militärbefehlshaber von Belgien, ist seit fünfeinhalb Jahren ein Gefangener. Seit zwei Jahren sitzt er gefangen in Lüttich. Nicht, weil er dort eine Strafe verbüßt – das ist nicht der Fall, denn er ist nie verurteilt worden, man hat nicht einmal Anklage gegen ihn erhoben –, sondern weil man sich offenbar nicht entschließen kann, ihn wieder in Freiheit zu setzen. So wie manche Bürokraten sich nicht entschließen können, ein erledigtes Aktenstück auszurangieren, weil man es vielleicht doch noch einmal zum Nachschlagen brauchen kann.

Falkenhausen gehört zu den wenigen Deutsehen, die schon zu einer Zeit, da viele spätere Widerstandskämpfer noch mit feierlicher Gänsen haut dem Tag von Potsdam beiwohnten, längst erbitterte Gegner Hitlers waren. Seit 1930 konnte man in Dresden und Umgegend seine warnende Stimme in Vorträgen hören. Im August 1932 versuchte er vergeblich, Schleicher zum Verbot der SA zu bewegen. Nach der Harzburger Koalition trat er aus der Deutschnationalen Partei aus und wenig später, als Seldte den Stahlhelm in die SA eingliederte, auch aus dem Stahlhelm. Schließlich griff er zu, als Marschall Tschiangkaischek ihn aufforderte, in seine Dienste zu treten, er reiste im April 1934 enttäuscht und degoutiert nach China ab – gerade noch rechtzeitig, um nicht das Schicksal seines Bruders zu teilen, der am 30. Juni 1934 ermordet wurde. Aber die Freiheit währte nicht lange. 1938 zwang Ribbentrop ihn zur Rückkehr, mit der Drohung, er werde anderenfalls seine Familie in Sippenhaft nehmen, weil es nicht angehe, daß nach Abschluß des deutschjapanischen Paktes noch Deutsche private militärsiche Berater in China seien.

Im August 1938 wurde er eingezogen und im Mai 1940 sorgten einflußreiche und verantwortungsbewußte Offiziere dafür, daß Falkenhausen, sehr gegen seinen Willen, als Militärbefehlshaber in Belgien eingesetzt wurde. Wieviel er diesem Land durch sein unbeirrbares Rechtsgefühl und seine große Menschlichkeit erspart hat. wird am deutlichsten, wenn man die wirtschaftliche Lage Belgiens bei Kriegsende mit derjenigen anderer besetzter Gebiete vergleicht. Für Falkenhausen war diese Zeit ein ständiger Kampf mit Partei, SD und Polizei. Im Dezember 1943 wurde der Kommandant der Gefängnisse in Brüssel von der Gestapo verhaftet, weil er Mißhandlungen an Gefangenen gemeldet hatte, und Falkenhausen daraufhin streng eingegriffen hatte. Seine Versuche, die Einführung des zwangsweisen Arbeitseinsatzes in Belgien zu verhindern, die so weit gingen, daß er sich 1944 weigerte, den geschlossenen Jahrgang 1925 ausweigerte, führten schließlich dazu, daß er am 14. Juli 1944 seiner Stellung enthoben wurde. Neun Monate, ist er von der Gestapo durch viele Kz’s und Gefängnisse geschleppt und kurz nach der Befreiung erneut als Kriegsverbrecher nach haftet worden.

Seither sind Jahre vergangen. Falkenhausen ist in’sechs verschiedenen Ländern durch 51 Gefängnisse und Lager gewandert. Sein Nachfolger hingegen, der frühere Gauleiter von Köln/Aachen, Grohé, der als Reichskommissar ein wesentlich schärferes Regime in Belgien führte, ist dort längst aus der Haft entlassen.

Vielleicht wird eines Tages in einem menschlicheren Zeitalter geschrieben werden, wie ein Ritter ohne Furcht und Tadel im Gefängnis zugrunde ging, weil die Menschen verlernt hatten, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Dff.