Wie verbringen Sie Ihre Freizeit am liebsten? fragte kürzlich die „Emnid“ (eine Art deutsches Gallup-Institut) die Leute in den Westzonen. Dabei stellte es sich heraus, daß nur 1,2 Prozent der jungen Männer zwischen 18 und 30 Jahren sich in ihrer Freizeit für das Familienleben interessieren. Aber bei den Mädchen und Frauen des gleichen Alters war es noch schlimmer: da waren es nur 0,7 Prozent, die sich noch nach der Tagesarbeit mit ihrer Familie beschäftigten. – Die größte Einigkeit über die Art der „Freizeitgestaltung“ erzielte die Umfrage bei den Männern zwischen 50 und 65 Jahren; die rüstigen alten Herren gehen nach Feierabend am liebsten in ihr Gärtchen zum Graben, Gemüsepflanzen oder Tomatenernten (21 Prozent waren dafür), während die jungen Leute den Sport (27 Prozent), das Lesen (17 Prozent) oder den Kinobesuch (4 Prozent) der Gartenarbeit vorziehen. Nur für das Theater haben weder die alten noch die jungen Männer (0,0 Prozent) irgend etwas übrig. Die Mädchen und jungen Frauen sind um etwa 3 Prozent belesener als die Herren des gleichen Alters: 20 Prozent von ihnen beschäftigen sich nach Feierabend mit den Büchern, aber das Theater spielt auch für sie keine Rolle mehr. (Ach, wie fern sind die Zeiten, da die weibliche Oberprima einer Stadt noch die Mathematikstunde schwänzte, um den „jugendlichen Helden“ ihres Theaters bei seinem Morgenbummel über die Hauptstraße zu beobachten!) – Dafür gibt es aber – kaum zu glauben – noch junge Männer, die in ihrer Freizeit am liebsten dichten: es sind zwar nur 1,3 Prozent, aber es wird ja auch nicht viel mehr junge Mädchen geben, die heute noch wissen, was es bedeutet, ein Gedicht gewidmet zu bekommen. Was aber tun unsere Großeltern in ihrer freien Zeit? Nun, die Großväter haben sich zu 11 Prozent für das Rauchen entschieden, während die Großmütter dabei sitzen und stricken (etwa 30 Prozent). Zum Kirchenbesuch nach Feierabend als liebste Beschäftigung entschlossen sich 3 Prozent der alten Damen zwischen 50 und 65 Jahren, während unter den jungen Männern von 18 bis 30 aber auch nicht einer war, der den Kirchenbesuch für seine liebste Freizeitbeschäftigung gehalten hätte.

Aber man muß sich wohl hüten, aus diesen Ergebnissen zu tiefe Rückschlüsse zu ziehen. Man darf ja nicht vergessen, daß der ans Amerika stammenden Methode der Massenbefragung eine seit über 50 Jahren als Unsinn entlarvte Meinung zugrunde liegt: Die Meinung, man könne dem Menschen mit der Statistik beikommen. Wer ehrlich ist, wird sich eingestehen müssen, daß gar nichts über die individuelle Bedeutung eines jungen Mannes ausgesagt ist, der auf seinem Fragebogen zum Beispiel erklärt, er treibe in seiner Freizeit am liebsten Sport. Das steht da auf dem Fragebogen – man sieht den jungen Mann nicht, man weiß vielleicht noch nicht einmal, was für einen Sport er treibt, man weiß nicht, warum er Sport treibt –, man weiß jetzt noch viel weniger über ihn als vorher, weil man vielleicht der Versuchung unterliegt, ihn nun unter die „Sportler“ einzureihen. – Und außerdem: könnte der junge Mann nicht gelogen haben? Könnte er nicht, in heilloser Wut darüber, daß man ihn, nachdem er den letzten Mußfragebogen gerade hinter sich gebracht hat, schon wieder auffordert, Fragen zu beantworten, seine Befrager nach Herzenslust an der Nase herumführen? – Natürlich ist es Wasser auf die Mühle der Frager, wenn sie ein Ereignis auf Grund ihrerMethode ungefährrichtig voraussagen können (wie es der Emnid zum Beispiel bei den letzten deutschen Wahlen hinsichtlich der Ergebnisse und der Wahlbeteiligung gelang). Und wenn es einmal schief geht (wie bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, wo die ganze Welteinschießlich Mister Gallups Dewy zum kommenden Präsidenten erklärte und Truman es dann wurde), wird der böse Zufall verantwortlich gemacht. Aber dieser Zufall, der gar nicht „böse“ ist, sondern weitaus menschlicher als die Methode der Befrager, wird immer größer werden, je mehr die Menschen sich besinnen, daß kein Teil ihres Wesens – noch nicht einmal die Art ihrer Lieblingsbeschäftigung – durch einen Fragebogen ausgefragt werden kann. P. H.