Wer krank gemeldet wird, gilt als in Ungnade gefallen. Wer ein Staatsbegräbnis erhält, gilt als ermordet. Nichts ist bezeichnender für die totalitären Systeme, als daß ihre Würdenträger nicht mehr privat und unpolitisch erkranken und sterben können. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht ...“ Und tatsächlich verhalten sich die diktatorischen Krankheiten von heute zu den diplomatischen von ehedem, wie der Terror zur Höflichkeit. Was ist mit Grotewohl? Er wurde in das sowjetische Militär-Hospital Berlin-Oberschöneweide eingeliefert, angeblich wegen Nervenzerrüttung. Nun wohl, warum soll das schizophrene Spiel mit dem deutschen Friedens-Freiheits- und Einheitsstaat der Ostzone nicht Otto Grotewohls Nerven zerrüttet haben? Aber wer glaubt es ihm oder der ostdeutschen Regierungskanzlei? Er werde für den schleppenden Gang der Sowjetisierung in der Ostzone verantwortlich gemacht. Er sei mit Ulbricht zerfallen, Er habe einen Selbstmordversuch unternommen. Er habe sich geweigert, die Einladung zu einer „Kur“ in Moskau anzunehmen. Seine Frau habe ihn verlassen und sich nach dem Westen abgesetzt. Sein Sohn sei verschwunden. Die behandelnden Ärzte seien NKWD-Spezialisten. Gerüchte über Gerüchte. Sie werden nicht verstummen, falls Grotewohl stirbt. Nur seine völlige und allen sichtbare Gesundung könnte die Gerüchte demenderen. Denn Gesundheit bedeutet Gnade, so wie Krankheit Ungnade bedeutet. Im Reich der totalitären Lüge gibt es keine einfachen Wahrheiten mehr. Fr.