Von Joachim Freese

Obwohl es im allgemeinen nicht üblich ist, in der Zeitung über das Zeitungmachen zu berichten, dürfte folgender Bericht den Rang eines Ausnahmefalles beanspruchen: Am Beispiel einer kleinen mecklenburgischen Zeitung schildert einer, der beteiligt war, was die Sowjets unter Pressefreiheit verstehen. Wie einst den Nazis, kommt auch ihnen alles darauf an, die öffentliche Meinung zu lenken. Jedes Mittel ist ihnen dabei recht, und wehe, dem, der nicht so will wie sie ...

Man hatte mich gewarnt, in die Redaktion der Schweriner „Norddeutschen Zeitung“, des Organs der Mecklenburger LDP, einzutreten. Seit ihrer Gründung im Frühsommer 1946 hatte dieses Blatt nicht weniger als fünf Chefredakteure gehabt, die inzwischen teils von der NKWD verhaftet, teils nach dem Westen geflohen waren. Fritz Schröder, der erste von ihnen, hatte die „Norddeutsche Zeitung“ zur führenden politischen Zeitung in Mecklenburg gemacht. Als er es aber wagte, in einem offenen Leserbrief die Gelage der damaligen Ostminister in Warnemünde kritisieren zu lassen, war es zuviel. Mit seinen beiden Sekretärinnen wurde Schröder verhaftet, während sich zwei seiner Kollegen über die „grüne Grenze“ retten konnten. Sein Nachfolger war der von den Russen als Spitzel eingesetzte Dr. Gräser. Doch bald stellte sich heraus, daß er niemals Journalist, geschweige denn Doktor gewesen war. So konnte sich die LDP von ihm befreien. Es folgte der Romanschriftsteller Hans Heuer. Er versuchte, aus derZeitung ein gleichgeschaltetes Boulevardblatt zu machen! Und erst Klaus Bär brachte sie wieder auf eine streng antimarxistische Linie. – genau einen Monat lang, dann mußte auch er mit seinem Redaktionsstab vor der NKWD flüchten. Helmut Bulle erhielt nun – als fünfter – Chefredakteurswürden. Da er Mitglied des kommunistischen „Deutschen Volksrates“ war, durften die Sowjets sicher sein, daß er die „Linie“ wahren würde.

So lagen die Dinge am 1. April 1949, als ich in den Redaktionsstab eintrat. Da ich vornehmlich mit lokalen Dingen und dem Sportteil beschäftigt war, glaubte ich, daß mir kaum etwas passieren könne. – Ich sollte die Sowjets und die SED in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten kennenlernen ...

Seit Bulle Chefredakteur war, begann sich seine Meinung über die „Freunde aus dem Osten“ nach und nach zu ändern. Der Erfolg; Immer wieder bestellte ihn die SMA zum Rapport. Als er eine Ausgabe mit der Aufmachung „Nur ein neutrales Deutschland“ herausbrachte, erklärte man ihm dort kurzerhand, es gäbe kein neutrales Deutschland! Wer den Frieden wolle, der müsse auch für ihn kämpfen! Unser Chefredakteur hatte sich nun die Aufmerksamkeit der NKWD zugezogen. Seit jenem Tage wurde unsere Redaktion in der Ernst-Thälmann-Straße zu Schwerin ständig von einem Zivilisten überwacht. In der Telefotueitung war wieder und wieder das verdächtige Knacken zu hören. Und diese Anzeichen trogen auch diesmal nicht. Bulle wurde verhaftet. Wegen Verbreitung „tendenziöser Gerüchte“ erhielt er im Oktober zwei Jahre Gefängnis.

Wer sollte sein Nachfolger werden? Sosehr man sich auch bemühte –: Niemand war für diesen gefährlichen Posten in finden. Schließlich mußte der Feuilletonredakteur „in Vertretung“ zeichnen, während der erst zwanzigjährige Redakteur Karl-Herrmann Flach die politische Redaktion übernahm. Ich selber leitete fortan den Sportteil und betonte immer wieder, daß ich von Politik absolut keine Ahnung hätte: Dennoch erhielt ich eines Tages einenBrief, der mich indirekt aufforderte, Ostzonenkorrespondent für eine angeblich „westliche“ Zeitung in Hannover zu werden. Ich war überzeugt, daß es sich hier nur um eine Falle, im einen geschickt fingierten Brief aus östlicher Richtung handeln konnte, und meldete den Vorfall der Volkspolizei. Die Sache verlief dann auch im Sande; anscheinend hatten die Sowjets den Eindruck gewonnen, daß ich wohl doch harmlos sei.

Ständig lag unsere Redaktion im Streit mit der Zensurstelle der Mecklenburger SMA. Täglich gab der Zensor; Hauptmann Bortschow, Instruktionen, die wir immer wieder zu umgehen suchten. Oft gelang dies auch, doch stets mit dem Ergebnis, daß die Sowjets noch mißtrauischer wurden. Unsere politische Redaktion hatte hierunter am meisten zu leiden. Während der Volkskongreß wählen beispielsweise hatte sie immer wieder versucht, den Begriff „Nationale Front““ zu vermeiden. Zehn Tage gelang es ihr. Data mußten auf Befehl der SMA Artikel über diese „Front für Einheit und gerechten Frieden“ erscheinen. Und als das Ergebnis der Wahl für de Kommunisten so unerwartet schlecht ausfiel, da überwachte Hauptmann Bortschow sogar den Un-Bruch. Er verbot, in der Veröffentlichung die genauen Prozentzahlen der Kreise bekanntzuigeben, So wurden wir gezwungen, von einem gewaltigen Bekenntnis der „Nationalen Front“ mit kommunistischen Vorzeichen zu berichten