Von unserem Berliner Korrespondenten

K.W. Berlin, Ende Dezember

Der sowjetische Außenminister Wyschinski war einige Tage in Ostberlin, und damit stehen die ost-westlichen Bemühungen um die deutsche Hauptstadt eins zu eins. Bevin und Acheson hatten bereits zuvor ihre Visiten absolviert. Daß Wyschinskis Besuch beinahe sklavisch dem von Acheson vor einigen Wochen glich, ist dabei ebenso charakteristisch wie das Unterlassen jener Geste, die der amerikanische Außenminister seinerzeit mit einem kleinen Ausflug in den Ostsektor gemacht hatte. Wyschinski ist im östlichen Teile der Stadt geblieben. Die Sowjets, so möchte es scheinen, respektieren jetzt peinlich die westliche Sphäre von Berlin als ein ihnen fremdes Gebiet.

Dieser diplomatischen Rücksicht entspricht auch die Politik der SED. Während in der Ostzone die „Staatspartei“ durchweg auf einem verschärften Kurs gegen alle Gruppen und Tendenzen festgelegt worden ist, die nicht eine unmißverständliche prosowjetische Haltung zeigen, ist die Berliner SED mit sich selbst ins Gericht gegangen. Sie bekannte jetzt, daß ihr nicht nur in Westberlin jeder Boden ideologischer Art geschwunden ist, sondern daß es „dem Feind, sogar gelungen sei, nach Ostberlin in die Partei selbst schwächend einzudringen“. Sie hat also am Ende dieses Jahres auch ein volles politisches Debakel auf ihr Schuldkonto zu nehmen, das mit der sowjetischen Blockade der Stadt und ihren barbarischen Methoden schon mehr als belastet ist; sie erklärt selbst, daß diese weltpolitische Phase der sowjetischen Politik ihre Existenz als Partei gefährdet hat.

Die Konsequenzen, die sie zieht, klingen nur für den robust, der sich in der kommunistischen Taktik nicht auskennt. Sie fordert ihre Stoßtrupps, Mitglieder und Funktionäre auf, zum variantenreichen Angriff auf Berlin überzugehen. Das sieht nach ihrer Meinung so aus: Man solle die vielen, dünnen Stellen Westberlins ausfindig machen und überall mit kleinen Aktionen, bei Film-Uraufführungen, bei Vorträgen und vor Buchläden, in Fabriken und vor den Arbeitsämtern von sich reden machen, Flugblätter über die Nöte Westberlins verteilen, die Erwerbslosen. ansprechen und dergleichen mehr. Gepflogenheiten werden hier empfohlen, mit denen die Kommunisten in ihrer Frühzeit das organische Wachsen einer Demokratie zu stören und zu hindern suchten. Die kleine illegale Münze, der Individualterror, der im Katechismus der Dritten Internationale eine so große Rolle spielte, soll wieder aus der Rumpelkammer geholt werden. Nur mit dem bezeichnenden Unterschied, daß diesmal eine mit allen Machtmitteln überreich ausgestattete Staatspartei sich selber in ihrer eigenen „Hauptstadt“, dem vorgeschobenen Posten des Kominform, in die Illegalität schickt, nachdem ihr bereits die größeren Mittel der Aushungerung und Blockierung nichts genützt, sondern zu einer Niederlage von bleibender Wirkung verhelfen haben.

Es ist noch nicht abzusehen, wie sich die SED In diese doppelte Aufgabe teilen wird: in Ostberlin Regierungspartei und Staat und in Westberlin Terrorgruppe sein zu wollen. Aber es ist zu bemerken, daß diese Ultima ratio ein Ausweg aus einer politischen Ohnmacht sein soll; ein besonders hilfloser allerdings, dem am allerwenigsten in Berlin Chancen gegeben sind...