Kein Mensch kann wissen, welche Überraschungen uns die wissenschaftliche und technische Entwicklung bringen mag in der zweiten Hälfte eines Jahrhunderts, dessen erste Hälfte sich als eine der größten und reichsten Zeiten naturwissenschaftlicher Forschung erwiesen hat. Aber auch dann, wenn wir gar nicht an die Überraschungen denken, welche uns die nächsten fünf Jahrzehnte Zukunft bringen mögen, gestaltet sich das Bild dieser Zukunft schon märchenhaft genug. Wir brauchen uns nur ein wenig vorzustellen – nicht mit der willkürlichen Phantastik von Romanschreibern, sondern mit ganz nüchterner, folgerichtiger Erwägung dessen, was kommen muß – wohin uns die Wege führen werden, auf denen wir jetzt schon vorwärts schreiten.

Denn wir werden weiter gehen. Wenn auch bei uns in Deutschland eine gewisse geistige Mode um sich greift, die es für tiefsinnig hält, die Technik zu tadeln und ihr angebliches Ende vorauszusagen, so haben doch diese Müdigkeitserscheinungen keine Parallele in der übrigen Welt. Die Welt da draußen marschiert weiter – die technische Fortentwicklung steigert sich zu immer gewaltigeren Formen, getragen von einer wissenschaftlichen Forschung, der nicht nur die Leidenschaft hervorragender Köpfe und Experimentatoren, sondern auch die breite Anteilnahme der Öffentlichkeit und die verständnisvolle Förderung der Staatsmänner gilt. Daß Deutschland inzwischen seit 1933 und noch mehr seit 1945 auf den letzten Platz der wissenschaftlichen, technischen und damit auch der industriellen Fortentwicklung abgesunken ist, das wird zwar für uns selber noch die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen; aber den Gang der allgemeinen Entwicklung auf unserem Planeten wird es nicht behindern.

Die Themen technischer Entwicklung sind zahlreich. So wird niemand zweifeln, daß zum Kapitel Explosionsmotoren oder Starkstromgeneratoren zwar noch vielerlei Verbesserung und Fortentwicklung bevorstehen wird, daß aber die entscheidenden Dinge der Zukunft nicht mehr auf diesen Gebieten liegen werden. Auch ist im Flugzeugbau, soweit es sich um Motorflugzeuge handelt, heute kein Ansatz vorhanden, der auf ganz große und revolutionäre Neuentwicklungen hindeuten könnte: Die Logik der Entwicklung wird freilich das Flugzeug, nachdem seine technisch“ Entwicklung durch die beiden Weltkriege so mächtig gefördert ist, noch in unserem Jahrhundert zu einer Selbstverständlichkeit des Alltags werden lassen – ähnlich, wie das Eigenauto des amerikanischen Arbeiters oder der überfüllte Autobus der Mitteleuropäer in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts zu Selbstverständlichkeiten geworden sind.

Zu den großen Themen, die jetzt gerade angeschlagen sind und deren Verfolgung stürmische, explosive Weiterentwicklung erwarten läßt, gehören das Düsenflugzeug und die Rakete. Als 1943 fünfhundert Bomber über Peenemünde erschienen und die dortigen Werkanlagen für den Rest des Krieges unbenutzbar machten, trug eine vorletzte, technische Entwicklung einen letzten Sieg über die ihr nachfolgende davon. Freilich sind noch sehr schwierige technische Probleme zu lösen, ehe wir jene Raketengeschwindigkeit von 11 km in der Sekunde erreichen werden, welche erforderlich ist, um unsere Erde zu verlassen. Dennach wird auch eine vorsichtige Schätzung es für wahrscheinlich halten dürfen, daß einige der jüngsten, der Neugeborenen von heute die Silvesterfeier 1999/2000 schon auf dem Mond begehen können. Die Neugier, die ja der stärkste Trieb moderner Menschen ist, wird dazu führen, daß der Mond, sobald er bequem genug erreichbar geworden ist, vor allem, zum Standort riesiger astronomischer Observatorien wird, die durch die dortige günstige Atmosphäre viel besser arbeiten können als hier – schon heute benutzt man ja Raketen, um Beobachtungen in 300 km Höhe und mehr zu machen. Auch werden wir von dort aus wohl endgültig erfahren, ob es auf dem Mars ein Leben gibt oder nicht. Aber vielleicht wird uns der Mond auch zur Rohstoffquelle werden. Er mag manche Stoffe darbieten, die auf unserer Erde allmählich zur Mangelware werden – das Element Phosphor beispielsweise, das unserer Ernährung künftig sehr fehlen könnte. Dann würden also später einmal die Raumbusse zum Mond nicht nur Astronomen und Sportsleute hinüber fahren, sondern auch Scharen von Bergwerksarbeitern. „Arbeiter“ freilich in einem neuen, anspruchsvolleren Sinn, wie er dem sich durchsetzenden Zeitalter der Technik entspricht (in dessen Anfängen wir ja noch stecken).

Man hat ja im Ausland inzwischen schon Versuche mit der menschenleeren Fabrik gemacht, die – einmal aufgebaut – zwar noch der Überwachung für den Fall eintretender Pannen bedarf, aber im normalen Betrieb keine menschliche Mitarbeit mehr nötig hat: Ihre Arbeitsgänge vollziehen sich vollautomatisch, gelenkt von elektrischen Steuerungsapparaturen. Ebenso, wie es in der kommenden Welt keine Soldaten mehr geben wird, sondern nur Ingenieure und Techniker, ebenso wird auch jede mechanische, rhythmische, gleichförmige Handarbeit dem Menschen endgültig entzogen werden. Ebenso aber auch jede gleichförmige geistige Arbeit: Die riesigen „elektrischen Gehirne“, die man in USA und England gebaut hat und weiter baut, um durch sie für technische Zwecke Berechnungen durchführen zu lassen, haben als Symbole unserer Weltzeit hohen Rang.

Das dritte der großen Themen neben Raketentechnik und Radartechnik, die Physik und Technik der Atomkerne, ist der Menschheit ja zur nächst vor allem als Anlaß des Schreckens bekanntgeworden. Gerade dieser Schrecken ist wesentlich mitbestimmend für die sehr veränderte Haltung, mit der wir Heutigen im Vergleich zum Jahrhundertbeginn der Technik gegenüberstehen. Damals war die Technik Haupttrieb oder wenigstens Hauptbeweismittel eines Optimismus, der sich auf dem sicheren Wege zur Schaffung des Paradieses aus menschlichen Kräften heraus wähnte; heute, nach zwei Weltkriegen, sind wir gründlich skeptisch geworden. Freilich mit einer Skepsis, die sich oft und gern in falsche Richtung wendet: Am Menschen zu zweifeln, haben wir freilich allen Grund. Aber am Fortgang der Technik zu zweifeln, ist eine Beschäftigung für romantische Narren.

Freilich wissen wir heute nicht, wieviel Entsetzliches der Mißbrauch der Technik noch über die Menschheit bringen wird; und es gehört auch nicht zum Thema unserer Betrachtung, darüber Vermutungen anzustellen. Wohin die Technik – als Erzeugnis höchster logischer Vernunft – bis zum Jahre 2000 gelangen wird, das läßt sich in den großen Umrißlinien einigermaßen übersehen. Aber was bis dahin die Politik – als Ausdruck menschlicher Unvernunft – sich noch leisten wird, das entzieht sich jeder Berechnung. Jedenfalls liegt es nicht an der Technik, wenn die erstaunlichsten Siege, welche sie bislang über die Naturkräfte erringen konnte, vorwiegend der Vernichtung dienstbar gemacht worden, sind. Die Möglichkeiten friedlicher Verwertung der neuen Atom-Technik sind so ungeheuer, daß auch die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts nur einen Anfang darin wird machen können. Ganz abgesehen von der Fülle möglicher Anwendungen in der Medizin, in der biologischen Forschung und in mannigfachsten anderen Gebieten, wird die Energiegewinnung aus den Atomkernen noch in unserem Jahrhundert den Erdball umgestalten. In der Erschließung der ungenutzter Großräume Afrikas, Australiens, Südamerikas wird sie von entscheidender Bedeutung werden; Nordafrika wird wieder, wie in älteren Zeiten, ein blühender Garten sein, wenn es den Politikern gelungen sein wird, Europa durch Demontage seiner Wälder in eine Karstlandschaft zu verwandeln. Es wird unnötig werden, Naturwunder von Wasserfällen der Energiegewinnung zu opfern; man wird aufhören, die Kohle als Brennmaterial zu verschwenden, statt sie als kostbaren Rohstoff – Grundlage der ebenfalls großzügig weiter entwickelten Kunststoffindustrie zu benutzen.