Neujahrsbotschaft aus dem Jahre 2000

Von Claus Jacobi

Europäer!

Ein altes Jahrtausend liegt hinter uns. Ein neues bricht an. Unsere Hoffnung ist die Hoffnung der Menschheit: Möge es ein besseres sein. In diesem Sinne grüßt das Vereinte Europa heute seine beiden mächtigen Freunde, die amerikanische Nord-Süd-Föderation und die titoistische Union der Asiatischen Sowjetrepubliken. Und es gedenkt in dieser Stunde jener Männer und Frauen, die ihr Leben der Rettung des Abendlandes widmeten.

Europa ist das älteste und jüngste Mitglied der drei kontinentalen Großmächte zugleich. Seine Kultur tritt in ein viertes Jahrtausend, seine Politik aber blickt auf ein knappes halbes Jahrhundert zurück. Noch hat die Geschichtsforschung die Geburtsstunde des Vereinten Europas nicht festgesetzt. War es die erste europäische Versammlung in Straßburg 1949 oder die Auflösung der UNO? War es wenige Jahre später die Befreiung der heutigen Distrikthauptstadt Berlin oder die Abweisung weiterer amerikanischer Wirtschaftshilfen durch Europa? Wir wissen es heute, an der Jahrtausendwende, ebensowenig, wie wir uns kaum noch eine Vorstellung von den damals auf unserem Kontinent herrschenden Zuständen machen können.

Von zwei Weltkriegen blutig und ausgepumpt zurückgelassen, in eine kraftlose Kleinstaaterei verfallen und von politischen Parteien beherrscht, lag Europa damals in tiefer Agonie am Boden. Amerikanische und sowjetische Truppen standen tief im Herzen des Kontinents und über allem hing, gleich dem Schwert des Damokles, die Drohung eines Atomkrieges, dessen Wirkungen geradezu phantastisch überschätzt wurden. Das war Europa 1950. Das war die Zeit, in der sich einige wenige auf das menschliche, geistige und wirtschaftliche Potential des Abendlandes besannen, unter ihnen Winston Churchill, obgleich er Engländer war. Doch der Weg von der Idee zur Verwirklichung war steil und schien unüberwindlich.

Gerade als der Westen Europas die ersten Schritte zur Einigung unternahm, brach von den kommunistischen Satellitenstaaten herkommend, eine Bürgerkriegswelle über ihn herein. Amerika hielt sich zurück und mischte sich nicht ein, um einen Atomkrieg zu vermeiden. Europas Ende schien gekommen. Doch als die heutigen westlichen Distrikte unter Führung eines schweizerischen eidgenössischen Generals in dem Bürgerkrieg überraschend die Oberhand gewannen, zögerte auch die Sowjetunion einzugreifen. Europa wurde frei, in seinen alten Grenzen. Aber wie sah es in seinem Innern aus? Hungersnöte, Epidemien und Seuchen brachen in den dicht besiedelten Gebieten aus. Noch war der Geist des Nationalismus nicht besiegt, die einzelnen Staaten rangen miteinander erneut um eine Vormachtstellung. Auf der anderen Seite versuchten Kommunismus und revolutionäre Kräfte das Chaos zu vollenden. Und erst als die Parteien erneut und zum letztenmal auf den Plan traten, als sie sich bemühten, das politische Monopol wieder an sich zu reißen, da war die Einigung der europäischen Stämme nicht mehr aufzuhalten. Der Wiederaufbau des alten Kontinents begann.

Nordamerika, das damals gerade die ersten losen Bindungen mit Südamerika zu einer gemeinsamen Föderation einging, und die Sowjetunion, die ihre Hauptstadt von Moskau nach Peking, um dem menschenmäßigen Übergewicht Chinas gerecht zu werden, verlegen mußte, einigten sich zu jener Zeit über die Errichtung einer Weltbehörde, die die Bodenschätze und Rohstoffe Australiens und Afrikas zu verteilen hatte. 20 Jahre lang lebte die Welt, abgesehen von einigen asiatischen Konflikten und südamerikanischen Revolutionen, in Frieden. Dann aber schien der dritte Weltkrieg zwischen der Sowjetunion und Amerika unvermeidlich, denn beide Länder hatten noch und noch gerüstet, um einer drohenden Wirtschaftskrise zu entgehen. In jenem schicksalhaften Jahr trat Europa zum erstenmal als politische Macht auf den Plan. Es erklärte in einem Ultimatum, es werde in dem Konflikt Partei ergreifen. Das hieß nichts anderes, als daß sich die Waagschale auf jeden Fall zu Ungunsten eines der beiden an sich gleich starken Gegner senken würde. Der Krieg unterblieb. Europa war zur dritten kontinentalen Macht geworden. Und der furchtbare Stalin, der seit 1949 ein von sowjetischen Forschern erfundenes Lebenselixier zu sich nahm, das ihn zwar älter werden, aber nicht sterben ließ, verweigerte die weitere Einnahme der Medizin und verschied. Sein Nachfolger wurde ein Titoist.

Neujahrsbotschaft aus dem Jahre 2000

War mit dem Ultimatum Europas ein politisches Gleichgewicht hergestellt worden, so verschwanden nun auch mehr und mehr die weltanschaulichen Spannungen zwischen den beiden bisherigen Großmächten. Im gleichen Maße, in dem Stalins Erbe demokratische Lockerungen einführte, nahm in Amerika die sozialistische Bürokratie zu. Aus Weiß und Schwarz wurde Dunkel- und Hellgrau. In Europa aber entwickelte sich unterdessen ein neuer Begriff der Freiheit Denn das herkömmliche Bild von ihr war das trügerischste aller Trugbilder gewesen. Die Geschichte hatte es bewiesen: Freiheit in dem alten Sinne hieß den geborenen Gegnern der Freiheit die Herrschaft überlassen. Nicht der Terror, sondern der leicht zu brechende Widerstand der Freiheit des einzelnen war immer wieder das wichtigste Hilfsmittel der Diktatoren für ihren Aufstieg gewesen. Und nicht die Gewalt, sondern der „Freiheitswille“ der Massen hielt sie an der Macht. In jener Wendezeit trat also an die Stelle der amerikanischen Freiheit des einzelnen und der sowjetischen Freiheit der Massen in Europa die Freiheit des Rechtes. Jener Freiheitsbegriff, von dem wir hoffen, daß auch das kommende Jahrtausend sich noch zu ihm bekennen wird.

So können wir denn, wenn wir heute, an der Jahrtausendwende, auf die fünfzig Jahre europäischer Politik zurückblicken, wohl sagen: Wir haben viel erreicht. Aber wir haben keinen Anlaß auszurufen: Consummatum est. Alles ist errungen. Denn das Problem des Zusammenlebens der Massen, das durch neugefundene Formen der Gesellschaft im Prinzip gelöst worden ist, hat durch die von Jahr zu Jahr steigende Übervölkerung der Kontinente dennoch drohend die Gefahr eines bewaffneten Konfliktes von bisher ungeahnten Ausmaßen heraufbeschworen. Es gilt, diese Gefahr endgültig zu beseitigen, die Eroberung neuer Lebensgebiete aber fortzusetzen Mit anderen Worten: Arktis und Mittelmeer müssen trocken gelegt, die Sahara und Sibirien urbar gemacht werden; Projekte hingegen wie die Überflutung Europas und Afrikas durch den Atlantischen Ozean, nachdem künstlich aufgestellte aufgestaute Eismassen am Südpol die Erde aus ihrem bisherigen Gleichgewicht haben kippen lassen, sind verbrecherisch. Es gilt nicht den anderen Kontinent, sondern den Kontinentalismus zu überwinden. Nur eine geeinigte Wdt ist unbesiegbar.“

Gegeben: Zu Europa am 1. Januar 2000.