Wenn „Die Zeit“ in dieser und in den folgenden Ausgaben davon berichtet, wie die Abwertungs-Medizin, die im September verabreicht wurde, gewirkt hat, so ist damit eigene lich nur ein einzelnes Problem – wenn auch das in seinen Auswirkungen aktuellste – angesprochen. Doch schon die Abhandlung dieses einen Themas wird die Fülle der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen darlegen, die, ineinander verwoben und nicht voneinander zu trennen, der erstrebten „Europawirtschaft in der Weltwirtschaft“ entgegenstehen, obwohl objektiv weitaus mehr für als gegen die Beseitigung der Handelsschranken spricht.

Seitdem Marshall – Plan – Administrator Hoffman sehr eindeutig im Palais de la Muette, dem Sitz der europäischen ERP-Organisation in Paris, auf den Tisch pochte – in begreiflicher Erregung; er ist nämlich von seiner Hilfsmission erfüllt und fühlt sich als besserer denn die wirklichen Europäer –, seitdem „machen“ die sich ihrer Souveränität zu sehr bewußten europäischen Regierungen „in Europawirtschaft“: Man kann sich dabei des Eindrucks nicht erwehren, daß die Geschäftigkeit etwas Gewolltes an sich hat. Die Drohung Hoffmans, ohne Abbau der Nationalwirtschaften zugunsten einer europäischen Union als „Gegenleistung“ – besser Mithilfe – des alten Erdteils wäre keine Mehrheit im Kongreß zu finden, die weitere, Marshall-Dollars gewähre, hat die Regierungen wohl aufgeweckt. Eine konstruktive Idee aber, wie Hoffmans Forderung zu verwirklichen ist, ohne daß innenpolitisch und binnenwirtschaftlich Schwierigkeiten auftreten, hat man nicht gefunden. Und das Gewollte auf der Suche nach Fritalux oder Finebel und Uniscan ist ja gerade, daß man wohl Vorteile von regionalen Zusammenschlüssen (als Etappen zur echten Europawirtschaft in weltwirtschaftlicher Verknüpfung) haben möchte, die Umstellungsnachteile jedoch vermeiden will. Ohne Opfer ist aber eine freie Wirtschaft nicht zu erkaufen, wenn man jahrelang, praktisch ohne Ausnahme, eine nationalgebundene „aktive Konjunkturpolitik“, um nicht zu sagen: eine Autarkiepolitik (mit bilateralem Außenhandel für die geringen noch bestehenden Ex- und Importwünsche) betrieben hat.

Hat man erkannt, daß die Wunschträume – wonach sich also am Alten nichts ändern und nur Neues hinzukommen soll – nicht erfüllbar sind, wird der europäische Gedanke auch auf wirtschaftlichem Gebiet endlich so Fuß fassen, daß nach den vielen theoretischen Überlegungen endlich praktische Ergebnisse gezeitigt werden. Dabei würde, nach den (heute überbewerteten) Anpassungsschwierigkeiten, doch nur der jetzige Zustand, mit dem niemand zufrieden ist, durch eine europäische Arbeitsteilung abgelöst werden, die zweifelsohne das Leben billiger werden lassen wird. Und das gerade ist der Sinn des Wirtschaftens. Nur wäre, in der technischen Durchführung, darauf zu dringen, daß alle Länder sich bereit erklären, um Vorteile zu erringen, auch Reibungsnachteile in Kauf zu nehmen. Mit Vorleistungen einzelner Nationen, wie Belgien, der Schweiz oder Westdeutschland, ist es nicht getan. Die Aufhebung von 50 v. H. des privaten Handels, die bis zum 15. Dezember erfolgen sollte, wird noch immer be- und verhandelt; nur gut, daß mit dem belgischen Europapolitiker Spaak jetzt ein allseits anerkannter Mann von Format als Präsident, an der Spitze der OEEC-Organisation steht. Wer, wenn nicht er, sollte sonst die Dinge vorwärtstreiben?

Der Abbau der Handelsschranken ist aber nur die eine Seite des Problems, die „Güterseite“. Die „Geldseite“ ist nicht weniger rückständig. Die Schlagworte heißen da harte und weiche Valuta, Konvertierbarkeit. Mit der Abwertung hat man die Sache von der technischen Seite her angepackt, denn mehr als Technik ist gegenwärtig die Paritätenänderung nicht. Damit, daß der Import teurer wird, man sich folglich mehr überlegt, wo man kauft, und daß der Export bei gleicher Ausfuhrmenge und relativ starren Weltmärkten vorläufig weniger einbringt, ist noch nicht viel getan. Wohl haben sich jetzt harte und weiche Währungen mehr angeglichen – im Sinne der Kaufkraftparitäten. Aber dieser von dem schwedischen Ökonomen Cassel verfeinerte Begriff ist, allgemein gesehen, im Augenblick nur bedingt gültig. Die Zahlungsbilanzschwierigkeiten, insbesondere Englands, umfassen ja mehr als nur die Handelsbilanzsorgen, auf die allein die Kaufkraftparitäten-Theone und -Praxis anzuwenden ist. Die Kapitalbilanzen z. B. sind durch die – jetzt nachlassende – politische Unsicherheit und die Nichtkonvertierbarkeit der Währungen beinahe. noch stärker in Mitleidenschaft gezogen als die reinen Außenhandelsbilanzen. Wer legt nämlich heute sein Geld dort an, wo es am besten vereinst wird, auch außerhalb des eigenen Landes? Und wer hat die Gewißheit, daß der Zinsendienst dem Gläubiger keine Devisenschwierigkeiten beleitet? Zu einer klaren Rechnungslegung und einer erstrebenswerten Freizügigkeit kann es hier nur kommen, wenn auf die Abwertung die freie Umwechslung einer Währung in die andere folgt; womit zwangsläufig die Abkehr vom Bilateralismus verbunden wäre, der, um im Beispiel zu jeden, dazu führte, daß das Land A vom Land B Getreide bezog, zum Ausgleich dafür Land B (sonst wäre es als Gläubiger sitzen geblieben) Gummi aus. Land A erhielt, obwohl vielleicht in Land C Gummi um ein Drittel billiger war. Der Ausgleich wurde also wohl zweiseitig vollzogen, aber um einen Preis, der dem Wirtschaftsprinzip: kaufe, wo es am billigsten ist, widerspricht. – Alan mögenicht einwenden, dies alles war? graue Theorie. Handele man so, würden nationale Industrien vernichtet, folglich Kapital vergeudet. Gern ist der Interessent, gleichgültig wer es ist, schnell mit „nationalen Belangen“ bei der Hands entscheidend sollte jedoch, in Anrechnung der Anpassungsschwierigkeiten, der gesamtwirtschaftliche Effekt sein. Und der liegt eindeutig bei einer weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung.

Am tiefsten wird im Übergang dabei der Abbau der Zölle die Strukturen der europäischen Länder und nicht weniger der USA berühren. Seit 70 Jahren bestehen Zollmauern, auch damals aus Interessengründen geschaffen. Die Geschichte von Schwerindustrie und Landwirtschaft belegt es eindeutig. Vorwand war natürlich die „ruinöse Konkurrenz“. Jetzt sind Zollangleichung und dann gleichmäßige Senkung der einzige Weg. Auf den vielen Zollkonferenzen hat man theoretisch diesen Weg eingeschlagen; hoffentlich zeigt 1950 die ersten Auswirkungen ...

Zwischen Geld- und Güterseite steht der dritte Faktor die prinzipielle Richtung der Wirtschaftspolitik in den einzelnen Ländern. Interventionist; mus oder Liberalismus? Freiheitlich-sozialistische (vom Osten abgesehen) oder neo-liberale, d. h. echte freie Wirtschaft? Daß der Staat in die Wirtschaft gehört, wird wohl von niemandem mehr bezweifelt. Die Frage ist, ob er-sich in einer Wirtschaftsverfassung als „Marktpolizei“ nach festen Regeln betätigen will, der Wirtschaft also einen wohlabgesteckten Rahmen setzt, oder ob er sich die Freiheit, einzugreifen, wenn er es für richtig erachtet, vorbehält. In Europa bestehen beide Arten Wirtschaftspolitik nebeneinander. Die Einen, so Belgien, Schweiz, Frankreich, Westdeutschland, treiben mehr oder weniger eine überkommene, von den Schlacken – teilweise – gereinigte „alte“ Wirtschaftspolitik; Andere haben die Ideen des Ökonomen Keynes übernommen und daraus, in Verbindung mit sozialistischem Gedankengut, den „Wohlfahrtsstaat“ entwickelt, über dessen Wohlfahrt und Schwerfälligkeit sich zumindest streiten läßt. Die Ergebnisse dieser Politik in Schweden (gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen und heute bereits in Zablungsschwierigkeiten), in Holland, (das mit Belgien nicht zur Benelux zusammenfinden kann, da seine Anpassungsfähigkeit gering ist) oder in England (dem Kostensenkungen bei Überbeschäftigung und relativ starren Lohn- und Preis-Verhältnissen sehr schwer fallen), die Ergebnisse dieser Politik also sind nicht dazu angetan, anderen Ländern das gleiche Rezept zu empfehlen. Zudem besteht doch eine logische Inkonsequenz zwischen dem nationalen Wohlfahrtsstaat, der in Bedarf denkt, und der internationalen Arbeitsteilung, zu der das Kostendenken gehört. 1950 fällt hier vielleicht die Entscheidung, ob eine Änderung – kein Kompromiß! – eintritt. Wird nach den Kosten und nicht nach dem Bedarf gewirtschaftet, dann wird auch der Dollarmangel aufhören.

Nun, auf dem Wege zur neo-liberalen Wirtschaft liegen auch manche Fußangeln. Sinnvoll ist sie nur bei echten Wettbewerbsverhältnissen unter möglichst gleichen Startbedingungen, auch und besonders im europäischen und weltwirtschaftlichen Rahmen. Ausnahmen von der Konkurrenz sollten nur gestattet sein bei Handelsgütern, bei denen eine neutrale und objektive Planung nach völkerrechtlichen Verträgen, woran Erzeuger und Verbraucher beteiligt sein müßten, möglich ist – siehe Havanna-Charta. Wenn aber heute bereits die in Westeuropa weitverbreiteten Kartelle wieder unter dem Schlagwort „gegen die ruinöse Konkurrenz“ propagiert werden, so sollte man sehr vorsichtig sein. Wirkung wird zu gern als Ursache ausgegeben.