Unsere ehrwürdigen Vorfahren, die am Silvesterabend1900 zu Berlin über die „Linden“ spaziert sind und die heute von diesem Erlebnis mit einem milden, genießerischen Lächeln erzählen, erinnern sich, daß die Welt damals aus den Fugen war: Nicht zwar äußerlich, aber innerlich. Die sichere Erwartung, daß man plötzlich, von einem Tag zum anderen, auf seine Briefe „1900“ statt „1899“ schreiben würde, hat sogar Kaufleute mit steifen schwarzen Hüten um ihre Fassung gebracht. Sie und viele andere stürzten sich mit einem wilden Aufschrei der Freude in das neue Jahrhundert.

Es sind seitdem nur fünfzig Jahre vergangen, aber es will uns allen dünken, als hätte die erste Hälfte des Jahrhunderts nicht ganz das gehalten, was es am Anfang zu versprechen schien. Die Berliner Kaufleute tragen keine schwarzen Hüte mehr, und an die Stelle der alten Linden ist die neue Ordnung getreten. Genug – überall in der Welt wird die Halbzeit des Jahrhunderts mit Nachdenklichkeit begangen werden, mit Nachdenklichkeit und vielleicht einem bescheidenen, sehr bescheidenen Festmahl und mit etwas Aberglauben, der die vage Zukunft deuten soll ...

Da ... die sanfte ältere Dame neben uns schreit auf –: die Suppe in ihrem Teller schwappt über, der Teller bebt in mystischer Weise...Atombombe? Radioaktive Wolken? Bakterien-Zerstäuber?

O nein, eine neue Erfindung (nichtdeutschen Ursprungs), eine Humorerfindung für humorvolle Europäer, deren Bedarf an europäischem Humor bisher nicht gedeckt worden ist: „Der Tellerwackler bringt auf mystische Weise plötzlich den Teller Ihres Nachbarn zum Tanzen und Wackeln. Schafft Silvesterstimmung. Höchst originell – preiswert!“

Wie schadet Die Erfindung dieses Silvesterscherzes hätte früher kommen müssen! Vor 50 Jahren hätte diese bezaubernde Konstruktion in den Restaurants zu Berlin Unter den Linden und am Jungfernstieg zu Hamburg berechtigten Erfolg gehabt. Seitdem haben nicht nur die Teller in Europa gewackelt, sondern vor allem auch die Mauern der Häuser and vieles mehr. O du wackeliges Jahrhundert! Welch ein Omen am Silvestertisch P. Chr.