W. B., Rom, Ende Dezember

Um die Folgen, die die englische Maßnahme für Italien nach sich zog, in ihrem ganzen Ausmaß richtig beurteilen zu können, müssen wir uns die Ausgangslage vor der Verabreichung der bitteren Pille näher vor Augen halten: Die verwegenen finanziellen Verhältnisse nach dem Kriege konnten nur durch zwei Operationen geordnet werden. Entweder nahm man, wie in Deutschland, einen radikalen Geldschnitt mit allen unvermeidlichen sozialen Härten vor, oder versuchte durch langsame Abwertung eine gewisse Stabilität der italienischen Währung zu erreichen. Einaudi, der jetzige Präsident, ein hervorragender Finanzwissenschaftler, bevorzugte die zweite, weniger phantasiearme Möglichkeit. Er nahm eine viermalige Abwertung der Lira vor, nivellierte die verschiedenen Lirakurse und paßte sie durch monatliche Festlegung des Kurses an die Außenhandelsverhältnisse an.

So gesehen, ging die Apenninhalbinsel in den Abwertungstrubel unter ganz anderen Vorzeichen wie die übrigen Nationen Westeuropas hinein. Der tiefe Kursstand der Lira erlaubte keine weitere Abwertung. Während sich die Regierungen anderer Völker mit wenigen Ausnahmen bemüßigt fühlten, so rasch wie möglich dem britischen Beispiel zu folgen, erholten sich die Italiener von dem nicht geringen Schrecken, Indem sie ... nichts taten. Die Börsen wurden nicht geschlossen. Es trat keine Panikstimmung auf. Pella – und hinter ihm Einaudi – vertrat den Standpunkt, in elastischer Handhabung die Lira automatisch den neuen internationalen Kursrelationen anzupassen. Der „schwarze Dollarkurs“, der anfangs auf 705 Lira je Dollar geklettert war, sank sehr rasch auf 660 und steht somit nur um etwa 10 v. H. höher als vor der Abwertung. Man beschloß daher, den offiziellen Exportkurs von 575 auf 625 heraufzuschrauben, was einer tatsächlichen Abwertung von 9 v. H. gegen den Dollar, aber einer Aufwertung von 20 v. H. gegenüber dem englischen Pfund entspricht.

Durch die neue Kursparität des Pfundes von 1750 Lira (früher 2350 Lira) ist der italienische Export in das Sterlinggebiet, der bisher rund 70 v. H. der Gesamtausfuhren umfaßte, wesentlich erschwert worden. Die wenig glücklichen Handelsbeziehungen zwischen England und Italien, die ein Gemisch von politischem Druck (seitens England) und wirtschaftlichen Kompromissen (von beiden Ländern) darstellen und zu dem Treppenwitz der jüngsten Wirtschaftspolitik, schen Geschichte Westeuropas führten, wonach Italien der Gläubiger Englands über 72 Millionen Pfund ist, bilden eine ständige Reibungsfläche. Italien sieht sich vor die wenig ermutigende Tatsache gestellt, daß traditionelle Exportmärkte für italienische Waren verschlossen werden. Die italienischen Produkte, die an sich bereits durch die hohen Grundpreise und durch die unwirtschaftlich laufende Industrie gegenüber der ausländischen Konkurrenz benachteiligt sind, werden sich im Sterlingblock verteuern. Das bedeutet, daß die mechanische und Textilindustrie – Eckpfeiler der Exportwirtschaft – sowie die Ausfuhr von Lebensmitteln und Südfrüchten schwere Einbußen erleiden werden. Der teilweise Verlust wichtiger Märkte, wie England, Ägypten, Mittlerer Osten und Indien kann durch die Möglichkeit gesteigerter Exporte in das Dollargebiet kaum wettgemacht werden. Die Aussicht, billig Rohstoffe aus dem Sterlingblock einzuführen, wird sich endlich auch nur für wenige Industriezweige positiv bemerkbar machen: Trotz ständiger staatlicher Subventionen und massiver ERP-Spritzen haben bekannte mechanische Werke bereits Konkurs angemeldet.

Eine Besserung der Situation kann nur durch verstärkte Herabsetzung der Preise und der Aufhebung überzogener steuerlicher Belastungen der Exportbranche erreicht werden. Es ist allerdings fraglich, ob die Grundübel der italienischen Industrie – hohe Grundstoffpreise, unverhältnismäßig angespannte Personalkosten, hervorgerufen durch eine verringerte Individualleistung und die immer noch von den kommunistisch gelenkten Gewerkschaften aufgezwungene Entlassungssperre – von heute auf morgen ausgeschaltet werden können.