R.K.N., Zürich, Ende Dezember

Schicken wir voraus, daß die Länder, welche um 30 v. H. abgewertet haben, nur ein Viertel des schweizerischen Auslandsmarktes darstellen, daß ein weiteres Viertel der schweizerischen Exporte nach Ländern geht, deren Abwertungssatz geringer ist, und die Hälfte nach Ländern, deren Währungen ihre Parität zum Schweizer Franken nicht geändert haben, so macht schon das deutlich genug, warum eine tiefgreifende Wirkung der Abwertungswelle auf die Schweiz nicht eingetreten ist. So konnte sich auch der Bundesrat getrost für eine Stabilhaltung des Franken aussprechen und zunächst eine Politik des „wait und see“ betreiben.

Die schweizerische Wirtschaft; deren technische Ausrüstung sie an die Spitze der europäischen stellt und nahe an die amerikanische rückt, eine Industrie mit größter Ertragsintensität, das heißt: mit bestem Verhältnis der Reinerträge zum Aktienkapital, wäre zudem ohne weiteres in der Lage gewesen, auch einem stärkeren währungspolitischen Angriff zu begegnen, ab es der durch die Abwertungsserie war. Dies gilt besonders von jenen Unternehmungen – und hierher gehören fast alle führenden Großfirmen –, die in den letzten Jahren der schweizerischen Überkonjunkfür nicht ihren Kopf verloren und keine Betriebserweiterungen vorgenommen haben, deren Autortisationswahrscheinlichkeit einsichtigen schweizerischen Volkswirten angesichts der raschen Erholung der kriegsversehrten europäischen Produktionsstätten immer fraglich schien, sondern die Rückstellungen gestärkt, die Qualität erhöht und die Preise durch Betriebsverbesserungen elastisch gestaltet haben. Dennoch ist die Abwertungsserie keineswegs spurlos an der Schweiz vorübergegangen. Einzelne Branchen, voran die Stickerei-, Textil- und Lederindustrie, aber selbstredend auch der Fremdenverkehr, sind zeitweise in eine recht beängstigende Läse geraten, die aber in der wirtschaftlichen Totalbilanz des Landes durch eine fast ungeminderte Prosperität vieler anderer Exportindustrien (wie der Maschinenindustrie und der chemischen Industrie) ausgeglichen wurde. Tatsächlich zeigen die letzten von der eidgenössischen Oberzolldirektion Veröffentlichten Außenhandelsziffern, daß die Ausfuhr im November gegenüber Oktober von 291,6 auf 31? Millionen sfr gestiegen ist, und damit in den ersten elf Monaten dieses Jahres gegenüber 3062 Millionen in der vorjährigen Vergleichsperiode 3100 Mill. erreicht hat, während der Import im gleichen Zeitraum von 4579 Mill. auf 3425 scharf gefallen ist. Dies aber heißt bei der Rohstoffarme der Schweiz, die an veredelten Waren nur exportieren kann, was sie an Rohmaterial vorher importiert, daß man trotz einer noch immer gehaltenen Rekordausfuhr für die Zukunft bereits höchst skeptisch geworden ist, Lager abbaut und wir den Importen äußerste Zurückhaltung übt.

Denn die gegenwärtigen Exporte dürfen keineswegs zu der Annahme verleiten, die Abwertungen seien an der Schweiz ohne Folgen vorbeigegangen, weil viele Exportindustrien, die in der Zeit der Überkonjunktur mit Aufträgen so bestürmt worden sind, daß sie oft mit 16monatigen Lieferfristen abschließen mußten, jetzt noch vielfach Ordres effektuieren, die in den „fetten Jahren“ kontrahiert wurden. Zwar sind beunruhigende Krisensymptome bisher noch ausgeblieben, doch ist die geschäftliche Sterblichkeit gegenüber dem Vorjahr schon um 50 v. H. gestiegen, wie die Konkursstatistik zeigt. Der Arbeitsmarkt beginnt auf das Ende der Konjunktur zu reagieren: „Die allgemeine Krisenempfindlichkeit der schweizerischen Wirtschaft nimmt zu.“

Einen Ausgleich für die Verluste auf den Auslandsmärkten durch die Paritätsänderungen sucht die Schweiz durch Forcierung der Handelsbefreiung zu begegnen. Durch Ausweitung soll die Industrie bei den stark geschrumpften Gewinnmargen ihre Position behaupten. So ist auch der neue Vertrag mit Westdeutschland zu verstehen. Man bezeichnet das Abkommen als denkwürdig, weil, es bis Ende 1950 schweizerische Exporte von 352 Mill. sfr vorsieht. Ihm folgte die Vereinbarung mit Belgien-Luxemburg über freien Zahlungsverkehr und praktisch freien. Handel, der Vertrag mit Italien: vom November, der die non-essentials nicht mehr kennt, die Vereinbarung mit Frankreich vom 1. Dezember, die rund 50 v. H. der schweizerischen Exporte dorthin von Bewilligungspflicht befreit, und der eben geschlossene Vertrag mit England, der zumindest einzelne schweizerische Exportkontingente fühlbar erhöht.

Neben diesen Bemühungen um eine Intensivierung des freien Warenexports stehen die um eine Neubelebung des Kapitalexports, dessen Erträgnisse in der schweizerischen Zahlungsbilanz vor dem Krieg eine so bedeutende Rolle gespielt und den hohen Lebensstandard des Landes trotz passiver Handelsbilanz recht eigentlich erst ermöglicht haben.

Zusammenfassend: die schweizerische Wirtschaft hat den währungspolitischen Angriff durch Abwertungen gut überstanden. Kompensation für die erlittenen Schäden erwartet man von der Handelsliberalisierung und vom Kapitalexport, die beide die traditionelle Wirtschaftssituation wiederherstellen und gestatten, würden, auch die weiteren Ketten Wirkungen der i. Abwertungen ohne größere Erschütterungen zu ertragen.