Schon heute hat die Erfahrung erwiesen, daß die meisten Treffer im Fußball-Toto von Leuten erzielt werden, die sich für den Sport an sich durchaus nicht interessieren (also auch nicht hingehen), von seinen Regeln und Möglichkeiten gar keine Ahnung haben und sich daher, von irrigen Berechnungen oder Vorurteilen ungetrübt, ihrem bloßen Instinkt überlassen. In Auswertung dieser Erfahrung – ergänzt durch die Erkenntnis, daß der zwecklose, selbstgenügsame Sport im Zeitalter der Nützlichkeit keine Berechtigung mehr hat, sondern daß es sich nur noch darum handeln könne, die beiden Hauptmotive des massenhaften Interesses am Toto: Nerven-Sensation und Gewinnsucht lebendig zu erhalten – wird das gesamte Sportwesen eine umwälzende Veränderung erfahren. Der maßgebende Gesichtspunkt für diese Entwicklung ist: gesteigerter Dienst am Toto-Kunden.

Den theoretischen Erwägungen treten aber auch praktische Tatsachen an die Seite, um das Tempo der Wandlung voranzutreiben. Der rasende Bevölkerungszuwachs auf immer engerem Raum verbietet in absehbarer Zeit die Duldung von Sportplätzen, die vielmehr für Wohnungsbau und Landwirtschaft verfügbar gemacht werden müssen. Solange es noch gelingt, wenigstens einen Sportplatz zu erhalten, werden die Massen mittels Fernsehsender die Wettkämpfe verfolgen können. Doch das wird ein kurzes Übergangsstadium sein. Mit dem letzten Sportplatz schwindet auch diese Möglichkeit. Aber damit wird der Toto keineswegs erledigt sein. Im Gegenteil. Seine Kunden werden vielmehr, dank einer genialen Neulösung des ganzen Sportproblems, den Kitzel des Wettfiebers in wesentlich sublimierter, also gesteigerter Form genießen können.

Die sportlichen Wettkämpfe werden nun nämlich nicht mehr roh und ungeschlacht mit Beinen und Armen (dazu wird nirgends mehr Platz sein), sondern sie werden, unter äußerster Raumersparnis, im Senderaum selbst von – Schnelldenkern ausgetragen werden. Deren gedachte Kampfhandlungen werden im gleichen Moment auf der Fernsehleinwand graphisch widergespiegelt, als bewegte, hin und her, gegen- und durcheinander wogende Linien und „Punktfelder“. Eine genau abgestimmte Lärm- und Geräuschkulisse stellt das die Fern-Gedanken-Seher zur begeisterten Sportgemeinde einende akustische Element her.

Auch dies jedoch wird nur an vorübergehendes Stadium sein. Man wird später dazu übergehen, die auf die Dauer ermüdende, das Auge anstrengende optische Nüchternheit des graphischen Punkte- und Linienspiels aufzuheben und seine Beobachtung dadurch genüßlicher zu gestalten, daß man es (in Umkehrung des Prinzips der Chladnischen Klangfiguren), in Wortspiele überträgt. So werden dann also die verwöhnten Toto-Kunden nur noch einer aufregenden Musik lauschen, an deren Ende das Motiv triumphiert, auf welches man gewettet hatte – oder nicht.

Die sogenannten „Idealisten“ unter den alten Sportlern aber, die da glauben, sich von der überholten primitiven Art körperlich-realistischer Berufsausübung nicht trennen zu können, werden genötigt sein, zwecks Befriedigung ihrer atavistischen Neigungen in die Parlamente zu gehen und ihre kämpferischen Instinkte einer höheren Sache als Träger der parteipolitischen Auseinandersetzungen dienstbar zu machen. Oho