Von Walter Fredericia

Wenn Höflichkeit Klugheit wäre, wie Schopenhauer meint, und Unhöflichkeit demnach Dummheit, dann müßte man wahrscheinlich mit einer forgesetzten Reduktion der Höflichkeit in der modernen Gesellschaft rechnen. Die an der Schwelle des halben Jahrhunderts leichthin gestellte Frage, wie es wohl an seinem Ende um dieses merkwürdige Problem menschlichen Verhaltens bestellt sein, möchte, wäre damit leicht beantwortet. Doch würde die Antwort nur richtig sein, wenn man den Begriff der Höflichkeit sehr eng faßte, indem man etwa vom Ursprung des Wortes ausginge. Höflichkeit, das wäre danach die Art des Verhaltens, die am Hofe üblich ist, am Hofe des Fürsten, versteht sich, und nicht am Hofe des Bauern. Die Tatsache jedoch, daß Höflichkeit auch am Hofe des Bauern möglich ist, ohne daß der Bauer darum sich wie ein Fürst zu verhalten brauchte, zeigt sogleich, daß diese Definition nicht angemessen ist. Es ist eine Teilung des Problems am Platz, und wir müssen unterscheiden zwischen einer äußeren Höflichkeit, nämlich der oben erwähnten, die nur eine Übung ist, und einer inneren, der ein moralischer Antrieb zugrunde liegt. Dem entspricht, daß wir sehr wohl empfinden, wann Höflichkeit kalt und wann sie herzlich ist. Nur die Höflichkeit des Herzens aber ist von eigentlichem Wert, und so ist der Unterschied zwischen den beiden sehr groß. Dennoch ist auch die kalte Höflichkeit, die höfische, immerhin der kalten Grobheit bei weitem vorzuziehen.

Die innere Höflichkeit ist die Kunst, dem anderen Menschen unangenehme Tatsachen in einer angenehmen Form mitzuteilen. Wer selbst der willentliche Urheber dieser schmerzlichen Tatsachen ist, wird diese Kunst nicht ausüben können, sondern zur Verlogenheit greifen, die zwar mit der äußeren Höflichkeit vereinbar ist, aber nicht mit der inneren. Die innere kommt daher hauptsächlich dem Übermittler, höchstens dem in eine Zwangslage geratenen Urheber zu. Durch eine widrige Tatsache wird der Mensch zweimal verletzt. Einmal dadurch, daß sie eintritt, zum andern dadurch, daß er sie erfährt. Am Eintreten kann der Bote nichts ändern. Mit Hilfe der herzlichen Höflichkeit kann er dem Betroffenen aber die Entgegennahme der Unglücksbotschaft erleichtern. Darin liegt die Moral der Sache. Wenn dem aber so ist, dann kann man freilich der inneren, der herzlichen Höflichkeit auch für die nächsten fünfzig Jahre des laufenden Jahrhunderts keine günstige Prognose stellen. Denn da der Abbau der Moral, der aus der friedlichen Sicherheit der letzten Jahrhundertwende in den Abgrund unserer Tage geführt hat, offenkundig noch nicht zu Ende ist, besteht wenig Aussicht, daß sich diejenige Höflichkeit, die eine Tochter der Moral ist, auch nur auf ihrem heutigen bescheidenen Stande wird behaupten können.

Wenn man von Höflichkeit spricht, fallen einem gleich die Grobiane ein. Auch die Grobheit hat zwei Arten. Die eine – wir sagen wieder: die innere – ist die des gemeinen und ungeschliffenen Menschen, dessen Verhalten auf einem Gemisch von Unachtsamkeit und Brutalität beruht. Da Unmoral das eigentliche Wesen der Brutalität ist, deshalb ist es leicht, diese Grobheit zu verurteilen. Sie hat indessen viele Anhänger unter dem Motto: Grob sein darf, wer keine Angst hat, eine Ohrfeige zu bekommen. Und sie wird denn auch durch Ohrfeigen, dieser oder jener Art, am ehesten kuriert.

Brutalität ist auch bei der andern, der äußeren Grobheit im Spiele, aber keine Unachtsamkeit. Es ist die Grobheit des sogenannten Rauhbeins, das heißt eines Menschen, der alle unangenehmen Ereignisse, auch die von ihm selbst veranstalteten, in der unangenehmsten Weise offenbart. Er tut dies unter ständigem Hinweis auf seine Aufrichtigkeit, die ihn dazu nötige, und strebt damit an, für wahrhaftiger als andere Menschen gehalten zu werden. Dieses Bestreben allein deutet schon darauf hin, daß das Rauhbein verlogener ist als die höflichen Leute und daß man seinen Reden daher keinen Kredit einräumen sollte. Obwohl jede Art von Grobheit auf Brutalität beruht, braucht sie bei dieser gar nicht das Hauptmotiv zu sein, das vielmehr in der Spekulation auf die Nebenwirkung liegen kann. Beide Arten der Grobheit (einschließlich der Frechheit, welche die Grobheit des Schwachen gegen den Starken ist) haben keine Zukunft, sie können die Erbschaft der inneren Höflichkeit nicht antreten. Im Prozeß der fortschreitenden Einschränkung des Individuums werden auch die groben Individualitäten eingeschränkt, und man kann sicher nicht behaupten, daß die Zahl der Grobiane aller beiden Arten in den letzten Jahrzehnten zugenommen hätte. Den Sieg wird wahrscheinlich die kalte Höflichkeit davontragen. Die Höflichkeit ohne gefühlsmäßige Unterlage. Die unbarmherzige Höflichkeit des Polizisten und des Henkers, die man vielleicht besser als Korrektheit bezeichnen würde. Und die in eine entseelte Welt paßt.