Von Peter Bamm

Die Erfolge der modernen naturwissenschaftlichen Medizin des letzten halben Jahrhunderts sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind das Ergebnis der Anwendung eines ganz bestimmten Prinzips: die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Physik und Chemie während des 19. Jahrhunderts erarbeitet hatten, auf die Bekämpfung von Krankheiten anzuwenden.

Ursprünglich war die Frage die, ob die in der Physik und Chemie gefundenen Gesetzlichkeiten auch für den lebenden Organismus Gültigkeit hätten, Man fand, daß das durchgehend der Fall war. Man fand aber auch, daß die Gesetzlichkeiten des lebenden Organismus sich mit Physik und Chemie allein nicht klären ließen. Erst die Biologie, die Lehre vom Lebendigen, erarbeitete ein System von Gesetzlichkeiten, mit dem man die Vorgänge am lebenden Organismus erklären konnte. Doch auch dann blieb noch ein unerklärter Rest. In diesem unerklärlichen Rest sind die Möglichkeiten der Zukunft verborgen.

Neben der mit physikalischer, chemischer und biologischer Methodik arbeitenden Erforschung des lebenden Organismus lief, von ihr zunächst völlig getrennt, die Erforschung der menschlichen Psyche, die Erforschung der Gesetzlichkeiten, unter denen das seelische Leben des Menschen steht. Das hatte angefangen mit der klassischen Psychiatrie. Siegmund Freud erweiterte das Feld, indem er mit der Methodik der Psychoanalyse das Unterbewußtsein des Menschen der wissenschaftlichen Erforschung zugänglich machte. Die moderne Psychotherapie schließlich fand Mittel und Wege, die geistigen und seelischen Kräfte des Menschen für die Bekämpfung von Krankheiten einzusetzen.

Im Augenblick erlebt die wissenschaftliche Welt den ungemein spannenden Vorgang, daß diese zwei methodisch voneinander grundverschiedenen Gebiete miteinander Berührung geraten sind. Die moderne psychosomatische Medizin hat die Aufgabe in Angriff genommen, die biologische und die psychische Methodik möglichst lückenlos aneinanderzuschließen.

Heilerfolge, die Wunderdoktoren zuweilen erzielen, beruhen, soweit sie echt sind, auf der Mobilisierung seelischer Kräfte des Menschen. Es ist klar, daß die wissenschaftliche Medizin, nachdem sie sich dieses Gebietes einmal angenommen hat, das besser kann. Ihre Methodik ist vollständiger, und im Rahmen der Medizin wird, wofür den Wunderdoktoren die Sachkenntnis fehlt, die immer vorhandene biologische Seite der Krankheit mit berücksichtigt. Wunderheilungen werden sich künftig in der Kassenpraxis abspielen.

Ferner darf man sicher sein, daß auch die bisherige rein naturwissenschaftliche Methodik der Medizin noch nicht alle Möglichkeiten erschöpft hat. Entdeckungen von weiteren wirksamen Medikamenten von der Art des Penicillins sind jeden Tag möglich. Daß einmal, ein Mittel gefunden wird, das gegen Tuberkulose so wirksam sein wird wie etwa Atebrin gegen Malaria, ist wahrscheinlich. Der Krebs befindet sich seit langem in der Verteidigung. Verbesserungen der Diagnostik, der chirurgischen Behandlung, der Bestrahlung, der Überwachung in der Nachbehandlung haben die Gefahr schon beträchtlich eingeschränkt. Die aufregende Entdeckung, daß gewisse krebserregende Stoffe eine enge chemische Verwandtschaft zu normalerweise im Körper vorhandenen Stoffen haben, ist der Anfang eines Weges, der zum Erfolg führen könnte.