Von Percy Eckstein

Rom, Ende Dezember

Seit einer Weile bemüht sich eine große italienische Marmeladen- und Konservenfabrik, durch einen Reklamefeldzug den Italienern das Frühstücken beizubringen. üble Laune, vorzeitige Ermüdung, geringe Leistungsfähigkeit, unbefriedigendes Einkommen – das alles – so sagt die Firma – sind die Folgen für den, der morgens das Haus verläßt, ohne jene 300 Kalorien zu sich genommen zu haben, die ein Frühstück bedeuten, welchen Erfolg die Propaganda hat, bleibt abzuwarten.

Bisher nämlich haben die Italiener unter vielen anderen sonderbaren Sitten und Gebräuchen auch die Eigenart, nicht zu frühstücken, zumindest nicht nach mittel- und nordeuropäischen Begriffen. Denn was südlich des Brenners Frühstück genannt wird, ist eine wahrhaft trübselige Parodie auf die uns so werte Morgenmahlzeit: ein winziges Täßchen schwarzen Kaffees, allenfalls mit einem Tropfen Milch darin, und dazu, wenn es hoch kommt, ein Stückchen trockenes Biskuit –: das ist alles! Kein Brot, keine Butter, keine Marmelade, nichts!

Der Fremde, der in einem italienischen Hause zu Gast ist, erfährt also am Morgen eine erste herbe Enttäuschung. Aber die zweite Enttäuschung wird ihm dann in den Nachmittagsstunden widerfahren, wenn er vergeblich auf den daheim gewohnten Tee oder Kaffee mit Kuchen wartet. Denn auch die Zwischenmahlzeit am Nachmittag gibt es in Italien gemeinhin nicht. Man könnte Italiener also recht wohl das Volk der zwei Mahlzeiten nennen, denn richtig gegessen wird bei ihnen ausschließlich zu Mittag und abends, dann allerdings so herzhaft und reichlich, wie das Portemonnaie es nur gestatten will. Von einem richtigen, italienischen „Pranzo“, einem Mahl zu festlichem Anlaß, steht man nicht sobald wieder auf, und es kann dem, der dergleichen nicht gewohnt ist, ohne weiteres passieren, daß er von der Tafel weg ins Bett taumelt und die nächsten paar Stunden wie ein Sack schläft.

Die typische Gängefolge eines „Pranzo“ wechselt von Stadt zu Stadt ein wenig, je nach den örtlichen Spezialitäten, mag aber etwa für Rom so lauten: Den Anfang macht ein „Antipasto“, das ist ein Teller mit rohem Schinken, Wurst und Anchovis, also eine Art hors d’oeuvre Darauf folgt ein Riesenteller „Tagliatelle worunter breite, gelbliche Eiernudeln mit einer kunstvoll zubereiteten Sauce aus Tomatenmark, Zwiebeln und Fleischstückchen zu verstehen sind. Sodann werden der Reihe nach zwei gebratene Fleischgerichte aufgetragen, das erste meist Lämmernes, das zweite Rind, Kalb oder Schwein. Dazu gibt es meist Bratkartoffeln und Salat, fast niemals warmes Gemüse. Den Abschluß bilden dann Käse. Obst und schwarzer Kaffee. Zu alledem wird Wein in erheblichen Mengen getrunken, im Durchschnitt etwa ein halbes Liter pro Kopf.

Auffallend ist an dieser Speisenfolge für deutsche Begriffe das Fehlen der Suppe zu Beginn und der süßen Speise am Ende. Auch daß Nudeln als selbständiger Gang auf den Tisch kommen, mag Verwunderung erregen; dafür ist der Italiener wieder fassungslos vor Staunen, wenn er erfährt, daß in anderen Ländern Makkaroni oder ähnliche Teigwaren als Beilage zum Braten aufgetischt werden. Dasselbe gilt übrigens vom Reis, der gleichfalls in jenen Teilen Italiens, wo, er überhaupt gegessen wird, stets ein Gericht für sich, niemals aber eine Beilage bildet.