Von Wilma Sturm

Wenn wir die Verwüstungen betrachten, welche die Zeit im Angesicht eines geliebten Menschen anrichtet, dann ermessen wir die Macht, mit der sie unser Dasein bestimmt – eine Macht, der wir nicht viel Rühmendes nachzusagen wissen.

Mögen wir ihr’s auch zum Guten anrechnen, daß sie den Mantel über tödliche Schmerzen breitet und die schlimmen Ereignisse auswischt auf der Tafel unseres Gedächtnisses, so wird sie doch im ganzen als die große Zerstörerin angesehen, der alles Blühende und Fruchttragende zum Opfer fällt.

Unsere Tage sind erfüllt von Furcht vor dieser Unwiderruflichkeit. Die Einschnitte und Haltepunkte, mit denen der messende Verstand der Menschheit das unendlich fortrollende Rad zu hemmen suchte, sind uns teuer, wir halten etwas auf Uhr und Kalender und den Wechsel der Jahreszeiten und begehen festlich gewisse Jahres- und Gedenktage. Wir wenden den Blick nach rückwärts, verfolgen triumphierend die aufsteigende Kurve unserer Vollbringungen und konstatieren mit Gram, wenn der Höhepunkt überschritten ist und unsere Taten, eine nach der anderen, von uns absinken wie welke Blätter. Je mehr die Vergangenheit Raum gewinnt und die Zukunft zusammenschrumpft, desto mörderischer erscheint uns die Geschwindigkeit, mit der die Zeit mit uns davonstürzt, davonstürzt geradewegs in den aufgesperrten Rachen der Ewigkeit. Das nämlich ist es, was uns schreckt: das im Wort Zeit enthaltene Donnerwort Ewigkeit, dies unausdenkbare Wort, für das kein Philosoph eine zureichende Definition fand und über das selbst die Dichter uns nicht hinwegtrösten können. Es muß ausgestanden werden.

Es ist im genau entgegengesetzten Sinne furchtbar wie das Wort Zeit: weil es ein für allemal bewahrt, aufhebt und festhält in einem unvorstellbaren „Immer“, ohne sich mit Hilfe der listigen Erfindungen von Jahren, Monaten und Tagen, von Stunden, Minuten und Sekunden einteilen und überschauen zu lassen.

Wie ertrügen wir’s denn, dieses fortwährende Ende, das Zeit heißt, und diesen fortwährenden Anfang ohne Ende, der Ewigkeit heißt, wenn nicht in beiden das Lächeln des Kindes blühte, das mit zartesten Händen Ewigkeit an Zeit knüpfte, als seien es zwei seidene Schnüre; des Kindes, das sein Zeichen aufrichtete aus der Zeit in die Ewigkeit hinein, von dessen Ankunft her wir unsere neuen Jahre zählen.