Bei Ketterer in Stuttgart wurde kürzlich aus dem Nachlaß von Heinrich Stinnes versteigert.

Einer Zeichnung Wilhelm Leibis vergleichbar, die das Ganze eines Bildnisses aus zahllosen Häkchen und Schleifen der Feder aufbaut, erstand beim Durchsehen der Mappen aus der Sammlung Heinrich Stinnes in den Versteigerungsräumen des Stuttgarter Kunstkabinettes die Erscheinung dieses letzten großen Sonderlings und Sammlers auf dem Gebiete der modernen Graphik. Man erkannte sein Temperament auch an den Federzügen, die eine mächtige Klaue auf den Passepartouts oder auch auf den Blättern selbst angebracht hatte. In das Haus nämlich, das der Sammler mit Diener, Buchbinder und allerlei Getier bis zu seinem Tode Anfang der dreißiger Jahre in einem Kölner Vorort bewohnte, gelangte kein graphisches Blatt, von dem nicht auf diese, fast manische Weise Besitz ergriffen worden wäre. Nicht mit dem Bleistift etwa, den ein tilgender Radiergummi leicht hätte entfernen können, sondern mit tief schwarzer Tinte und imperialen Schriftzügen, oder gar mit einem impertinenten Tintenstift, der sich mit Wollust in die Haut des edelsten japanischen Papieres eingrub. Eine Tätowierung, die alle Entfernungskünste der erfahrensten Restauratoren verhöhnt. Entsprach diese kräftige Inbesitznahme vielleicht der harten Hand des Bruders Hugo Stinnes, die nach den Aktienpaketen der deutschen Industrieunternehmen griff? War das Vollständigkeitsstreben, das besitzende Beherrschen eines weiten Gebietes, der Charakterzug, der die beiden sonst so verschiedenen Brüder verband?

Hatte doch Heinrich Stinnes den Gedanken, die gesamte Breite der graphischen Produktion neuerer Zeit – etwa von Goya ab – in den Gewahrsam seiner Mappen zu bringen! Die Anfänge seiner Sammlung liegen in den Jahren vor dem ersten Kriege, als er aus der Beamtenlaufbahn ausschied. Die Namen, die damals en vogue waren: Zorn und Whistler, Bone und Pennell, Legrand und Legros, kaufte er damals zu höchsten Preisen in London und Paris, in Köln und in Berlin durch die altrenommierte, bis heute beistehende Firma Amsler und Ruthardt, deren Name auf den Passepartouts der Blätter immer wieder auftritt. So in der Eintragung über den – Erwerb der „Tauromacquia“, jener ersten Ausgabe von Goyas dreiunddreißig radierten Stierkampfblättern, dem Glanzstück der Versteigerung bei Ketterer, das von 9000 auf 12 000 Mark stieg und gegen den heftigen Wettbewerb eines Schweizer Händlers in deutschem Besitz verblieb.

Sieht man heute die Mappen etwa der Radierungen von Legrand, Legros, Zorn durch, so spürt man, daß dieser skurrile Mann eine Leidenschaft für die radierte Linie als solche, für den Grat einer Kaltnadelradierung gehabt haben, muß, die unabhängig von der Darstellung, ja von der künstlerischen Qualität eines Blattes dem so rasch entschwindenden Hauch des ersten Abzuges nachjagte und exorbitante Preise dafür nicht scheute. So zahlte Stinnes für eine virtuose Radierung von Louis Legrand „Profils Parisiens“ vor 1914 1120 Mark – ein Blatt, das jetzt mit 30 Mark zurückging; für die den Stempelglanz des ersten Abzuges spiegelnde Radierung Zorns „Prinzessin Ingeborg von Schweden“ 1912 1200 Mark (jetzt mit 210 Mark zugeschlagen) oder für eine Lithographie von Rops „Die Todesstrafe“ im Jahre 1912 1050 Mark (jetzt kaum für wenige Mark verkäuflich). Doch hat sein Sammeln in die Breite bewirkt, daß manches Gegengewicht vorhanden war, um die eminenten Verluste teilweise auszugleichen, die sich jetzt beim Verkauf ergaben und die namentlich die Virtuosen der europäischen Graphik betreffen.

Die Arbeiten mancher feiner Künstler sind heute mit dem Einkaufspreis wieder bezahlt worden und haben so ihren Geldeswert über vierzig Jahre und zwei Inflationen erhalten. So wurden die schönen Lithographien von Carriere, die Heinrich Stinnes um 1910 mit 60 Mark erworben hatte, zu etwa gleichem Preise verkauft. Nur das aus dem Dunkel aufschwebende Bildnis Verlaines brachte mit 150 Mark etwas mehr. Eine Monotypie von Degas, ein hockender Akt, den Stinnes 1926 aus der Bremer Kunsthalle für 2800 Mark erworben hatte, kostete jetzt wieder 1950 Mark. Radierungen von Manet hielten ihren Preis, farbige Lithographien von Paul Signac erfuhren eine wesentlich höhere Bewertung als zur Zeit ihres Ankaufs; ebenso Radierungen von Pissarro, Rodins Radierungen hielten sich, obwohl feinste Drucke, nicht ganz so gut. Die große Rodin-Mode ist vorüber, eine solide Schätzung ist geblieben.

Aus dem breiten Massiv der Sammlung Stinnes, das seit dem Jahre 1932 Versteigerungen in Berlin, Leipzig und Bern abzutragen bemüht sind, heben sich einige Gipfel heraus. Es sind die Künstler, die als Väter der Moderne erkannt sind und deren graphisches Werk heute in Europa und in Amerika als bezeichnend für den Durchbruch einer neuen Sehweise angesehen werden. International betrachtet, hatten die kräftigen Holzschnitte Gauguins, die das elementare Gesetz der Fläche wiederherstellten, die größte Wertsteigerung zu verzeichnen, obwohl keine ganz frühen Abzüge und nur eine signierte Lithographie vorlagen. Das Aquarell der Tahitianerin erwarb ein Kölner Kunsthändler für 2000 Mark; die Lithographie eines liegenden Mädchens, ein Motiv von den Inseln: „Der Geist der Toten wacht“, konnte die Hamburger Kunsthalle gewinnen (1550 Mark – Stinnes hatte 1917 in Dresden 240 Mark dafür bezahlt). Die Holzschnitte „Te Atua“, „Die Götter“ und „Wechsel des Wohnsitzes“ erwarb die Baseler Kunsthalle für 900 und 950 Mark. Mehr noch als die absoluten Preise will dabei die Zahl der Bieter besagen, die sich schließlich alle auf das schönste Blatt, ein sich umschlingendes tahitianisches Paar „Te Faruru“ stürzten, das von 250 auf 1020 Mark stieg. Edvard Munch, dessen farbige Holzschnitte den Weg Gauguins – ins Nordische transponiert – fortsetzen, stand ähnlich im Brennpunkt eines übernationalen Wettbewerbes. Händler aus Stockholm und Oslo, aus Bern, Hamburg, Frankfurt und Köln, der Direktor des Baseler Kabinettes und ein Baseler Sammler boten lebhaft und die melancholischsten Blätter bezahlte man am höchsten.

Am Oeuvre der Kollwitz, das durch so viele schlechte Abzüge von den verbrauchten Platten – leider mit Zustimmung der Erben – so verwässert wird, hier aber in den ausgewählten Drücken der Sammlung Stinnes vorlag, konnte man einen interessanten Wertungsvorgang beobachten. Es schälen sich aus dem großen Werk die gesuchten Blätter heraus, ähnlich wie bei Dürer und Rembrandt. Die Einkaufspreise von Stinnes wurden bei den Drucken aus der ersten Auflage meist erreicht, bei einigen Seltenheiten aber weit überschritten. Umstritten waren auch die herrlichen Drucke einiger früher Nolde-Radierungen, die zum Teil von der Hamburger Kunsthalle und einem Hamburger Nolde-Sammler erworben wurden (50 bis 74 Mark). Aquarelle kosteten zwischen 320 bis 700 Mark (Stelzvögel). Die seltene, frühe Lithographie von Franz Marc, das „sterbende Reh“, in seiner ergreifenden Tiefe schon an die „Tierschicksale“ erinnernd, erwarb ein Stuttgarter Sammler für 450 Mark, Stinnes hatte es 1916 im „Sturm“, der Berliner Kunsthandlung, für 90 Mark erworben. Für die in warmen, dunklen Tönen vibrierende „Grashalde“ Klees aus dem Jahre 1925, die der feine Klee-Kenner Otto Ralfs Heinrich Stinnes noch im selben Jahre für 700 Mark zu kaufen geraten hatte, erhielten die Erben das Vierfache. Ein „Avis an collectionneur –: gut beraten, kann der Kauf lebender Kunst die beste Kapitalsanlage sein! W. O.