Ein filmisches Meisterwerk

Der preisgekrönte englische Film „Der dritte Mann“ aus der Korda-Selznick-Produktion hatte jetzt in Berlin seine deutsche Erstaufführung und wird in der nächsten Zeit in weiteren 50 deutschen Filmtheatern von der Deutschen London Film gestartet. Unter der Regie Carol Reeds spielen dann Orson Welles, Alida Valli, Trevor Howard die Hauptrollen als Partner deutscher und österrreichtscher Darsteller wie Paul Hörbiger, Siegfried Breuer, Ernst Deutsch, Erich Ponto und Hedwig Bleibtreu,

London, im Januar

Man kann sich darüber streiten, was ein filmisches Meisterwerk ist, man ist sich jedoch darüber einig, daß der neue englische Film „The Third Man“ („Der dritte Mann“) in diese Kategorie gehört. Seit fast 30 Jahren habe ich Filme aller Länder gesehen und eigentlich die Evolution der Leinwand aktiv miterlebt. Deswegen bin ich mir meiner Verantwortung bewußt, wenn ich rundheraus erkläre, daß „The Third Man“ zu meinen unvergeßlichen Filmerlebnissen zählt. Der Film läuft in London vor ausverkauften Häusern, er hat bereits in der Schweiz und anderen Ländern höchste Lobeshymnen erzielt.

Carol Reed, der Regisseur, gilt als Englands einziger Produzent mit literarischen Ambitionen. So lehnt er es ab, die Kassenberichte zu studieren und zieht es vor, die Arbeiten der großen Filmregisseure zu analysieren, Die Story des „Third Man“ ist einfach und realistisch und deswegen überzeugend, Ein amerikanischer Journalist kommt in das Wien des Nachkrieges, um einen alten Freund aufzustöbern, der inzwischen der Kopf einer Schwarzmarktbande geworden ist, die den Besatzungsmächten schwer zu schaffen macht. Der Amerikaner wird unbewußt zum Helfer materialistischer Gerechtigkeit, Die Bande fliegt auf, ihr Haupt wird vom amerikanischen Freund getötet, aber das unwirkliche Leben dieser unwirklichen Nachkriegsjahre geht weiter. Cosi fan tutte!

Die große Kunst Carol Reeds beruht in seiner Fähigkeit, das Beste aus alten Filmen zu abstrahieren, um es künstlerisch zu einem neuen Teppich zu verweben, Das Milieu des Filmes ist ohne die „Freudlose Gasse“ nicht zu denken. Die Polizeijagd auf die Schieberbande ist allerbeste Kopie des unvergeßlichen „M“-Filmes, der englische Filmkunst seit 20 Jahren beeinflußt hat. Die Photographie wird zum gekonnten Lehrlingsstück des Meister Hitchcock. Atmosphäre und Symbolik der unterirdischen Kloaken sind erstklassige Kopien des französischen Filmes „Des Miserables“, So wird der Kritiker zum Filmarchäologen. Mit der Leidenschaft des Forschers setzt er sich diesen endlichen Film zusammen und ist begeistert, wenn das Mosaik zum Meisterwerk geworden ist.

Die Darstellung ist unvergeßlich. Die Hauptrolle spielt Orson Welles, Amerikas intellektuelles „enfant terrible“, Schon beim ersten Anblick, der einen Bruchteil einer Sekunde beträgt, denkt man an Peter Lorre. Aber Welles fügt soviel eigene Intuition hinzu, daß sein Spiel zu einer Kabinettsleistung wird, Trevor Howard, der in Deutschland durch den Film „Brief Encounter“ bekannt wurde, spielt den Chef der interalliierten Besatzungspolizei – ein Meisterwerk an sparsamen Mitteln und größter Wirksamkeit. Unter den deutschen Mitwirkenden ragen Ernst Deutsch und Paul Hörbiger hervor. Das Fluidum allerdings, das diesen großartigen Film zusammenhält, ist die musikalische Untermalung, das Zitherspiel von Anton Karas. Es enthält ein aufregendes Lied, den unwiderstehlichen „Harry Lime Song“, der bereits heute zum Weltschlager geworden ist,

Der Film langweilt nicht einen Moment, sondern bringt immer neue Steigerungen, die in einem Schluß kulminieren, der zu den größten der Filmgeschichte zählt. Der „Dritte Mann“ ist beerdigt worden. Seine Geliebte geht eine lange Friedhofsallee auf die Kamera zu. Es ist später Herbst, delikate Stimmung eines Rilkeschen Gedichtes. Das Lied ertönt noch einmal. Am Wege lehnt der Amerikaner, der sich in die Frau verliebt hat und sie durch amerikanische Carepakete kaufen zu können glaubt. Sie weiß, er hat ihren Freund, seinen Freund verraten und erschossen, Sie sieht den Amerikaner nicht, sie geht an ihm vorüber, eine europäische Frau, wie sie auf unserem Kontinent zu Millionen leben, die noch ihren Stolz, ihre weibliche Würde haben. Dieser Gang, der zynische Ausdruck des Amerikaners, die realistische Atmosphäre, die jeden Zuschauer umfängt – das ist kein „Happy End“, das ist überhaupt kein Ende, das ist Leben, Die Größe des „Third Man“ beruht in der Tatsache, daß er zum Spiegel kontinentalen Lebens geworden ist. Unvergeßlich. Alex Natan