Von Wilhelm Grashoff

Dort, wo das schneeglänzende Hochgebirge über kahle baumlose Vorberge hinabsteigend in eine flach gehügelte Ebene ausläuft, liegt Salzburg mit seinen auf weiten Plätzen rinnenden Marmorbrunnen und hellen Kirchen. Gegenwärtig festlich prangt die Stadt bei Tage. Die Nacht verwandelt sie in eine Stätte der Erinnerung und des lautlosen Schmerzes. Von hellem Mondlicht Übergossen, ragen die leeren Paläste wie Grabmäler über Salzburgs Vergangenheit, und vielleicht ergriff hier, wo er geboren wurde, den Knaben Georg Trakl zuerst jenes unentrinnbare Herbstgefühl, das später den Grundton aller seiner Gesänge abgab.

Trakl schrieb seine ersten Verse in Salzburg. Doch erst als er, Mann geworden, nach Innsbruck übergesiedelt war, gelangen ihm die sanften Klagen, denen Rilke Ehrfurcht und Bewunderung zollte. Dann kam der Krieg, und Trakl fiel ihm zum Opfer. Im Militärspital von Krakau, Wand an Wand mit Geisteskranken, starb er am 4. November 1914 durch Veronal. Es bleibt ungewiß, ob er das häufig als Schlafmittel ihm dienende Gift nicht behutsam genug dosierte oder ob er, verstört vom Grauen des Krieges, in einem Anfall von Verzweiflung sich das Leben nahm.

Nur wenige Bilder bewahren das Antlitz des Dichters. Wer sie zur Hand nimmt, wird mit Erstaunen, ja mit Bestürzung gewahr, daß sie weit von der Vorstellung abweichen, die man für gewöhnlich von Trakl im Sinne trägt. Das unheimliche Gefühl, das Trakls erster Anblick einflößt, spiegelt sich auch in dem Bericht eines Freundes. „Der Dichter“, notiert er in sein Tagebuch, „erschien stehend kürzer und gedrungener, als wenn er saß. Seine Gesichtszüge waren derb wie bei einem Arbeiter. Trotzdem prägte sich in seiner Erscheinung etwas ungemein Würdiges aus. Aber ein finsterer, fast bösartiger Zug gab ihm etwas Faszinierendes, wie bei einem Verbrecher. Denn in der Tat, wie eine Maske starrte sein Antlitz, der Mund öffnete sich kaum, wenn er sprach, und unheimlich nur funkelten manchmal die Augen.“ Diese wenigen Zeilen geben ein äußeres Bild des Dichters, wie es in ähnlicher Schärfe sonst von niemandes Hand auf die Nachwelt kam. Mehr noch: sie bezeichnen zugleich die unversöhnlichen Gegensätze, zwischen denen sein Wesen gewitterhaft sich entlud. Georg Trakl, dem von der Mutter slawisches Blut zufloß, erinnerte in manchem an eine Dostojewskij-Figur; das Streben nach Heiligkeit war in ihm ebenso mächtig wie der Zug zum Bösen, und unablässig rang in seiner Brust der Genius mit dem Dämon.

Trakl erfuhr die Gewalt des Dämons sehr früh. Die Unrast des erwachenden Triebes, die im Blute der meisten Knaben ein harmloses Fieber erzeugt, überfiel seinen robusten Körper heftiger als Märzwind den jungen Baum. Der Ruf: „Oh, des verfluchten Geschlechts!“ entrang sich tiefster Gewissensqual, wie sie nur ein Mensch empfinden konnte, der, bei kraftvoller Physis zarten und äußerst verletzlichen Geistes, verhängnisvoller als andere sich an die Sklavenkette des Triebes geschmiedet sah. Vielleicht lag hier die Ursache (freilich nicht die letzte und entscheidendste) der tödlichen Schwermut, die sich des Dichters, je älter er wurde, nur um so unabweisbarer bemächtigte. Diese Schwermut bewirkte bei Trakl ein Doppeltes: sie überantwortete ihn einer wüstenhaften Leere und Verlassenheit, die sein Herz zermalmte, aber sie verlieh ihm auch den ahnungsvoll tiefen Blick, der in der Zerrüttung des eigenen Wesens den unabwendbaren Untergang einer ganzen Welt, in dem Vollzug eines persönlichen die Bahn eines überpersönlichen Schicksals voraussah. Trakl war ein Mensch von schmerzhaft hellem und wachem Bewußtsein. Es fruchtete wenig, daß er seine Zuflucht zu den dunklen Gegenkräften des Weines nahm; auch sie vermochten ihm nicht zu gewähren, was ihm das Schicksal versagen mußte: Vergessenheit. Und so blieb ihm bestimmt, überall der unheimlichen Zeichen ansichtig zu werden, die an der Stirn der Zeit erschienen waren. Sie sprachen von 2erfall, Verwesung, von herbstlicher Fäulnis der Welt und des Menschen.

Er traf die Vergängnis auf Schritt und Tritt. Er erblickte sie in den Rissen des brüchig gewordenen Gemäuers und im Spinngewebe verstaubter Bodenkammern. Sie hauchte ihn an im dumpfigen Moderduft, der lichtlosen Kellern und altem Gerünpel auf Hinterhöfen entströmt, und sie gewann eine nächtliche Stimme im fieberischen Schrei der Ratten, die, als zum dämonischen Szenarium des Untergangs gehörig, recht eigentlich Georg Trakl erkannt hat.

Da und dort wurde die Meinung laut, als habe Trakl in der Liebe zu einer arkadisch empfundenen Landschaft Trost gefunden. Es ist wahr; man stößt zuweilen bei ihm auf Gedichte, die ein griechischer Wohllaut bewegt, was etwa in den Eingangsversen seines unvergleichlichen Helian: