Von Bernhard Gramlich

Kehl im Januar

Seitdem ein Artillerieeinschlag den Turm der alten Kehler Kirche an der Westfront weit aufgerissen hat, ist das Geläut stumm, obwohl noch im Gebälk drei große Glocken hängen: „Glaube“, „Eintracht“ und „Liebe“. Auf dem verrosteten Zifferblatt der Kirchturmuhr stehen die Zeiger auf 20 Minuten vor 6 Uhr. Irgendwann einmal vor fünf oder vor mehr Jahren, an einem Morgen oder kurz vor dem Abendgeläut, hat die Uhr ihren letzten Schlag getan ... Wir steigen am Uhrwerk vorbei den zerbrochenen Turm empor, um aus der Höhe einen Blick auf die „verbotene Stadt“ zu tun. Hoch oben, vor ihrer Ausflugluke, liegt eine tote Eule ...

Der Blick geht weit ins Land. Drüben, hinter einer Reihe von Pappeln, fließt der Rhein. Und im Dunst wird dort auch Straßburg sichtbar, das industrielle Straßburg mit mächtigen Schornsteinen; der Münsterturm, liegt im Nebel. Diese Nebelwand drängt den Blick in den Vordergrund, über das Dächergewirr von Kehl; dieser Stadt, aus deren Geschichte und Besatzungsdaten man das deutsch-französische Verhältnis wie von einem Pegel ablesen kann. Ja, die Position Kehls als Brückenkopf wird aus der Vogelperspektive besonders deutlich: Schiene und Straße führen an Frankreichs Grenze. Über den Strom hinweg hat man sich verständigt oder bekriegt. Von 1678 an war Kehl fast zwanzig Jahre französisch, dann sechs Jahre hindurch deutsch, dann wieder elf Jahre französisch und hernach wiederum fast zwanzig Jahre deutsch. In diesen kurzen Intervallen ging der Wechsel bis 1815, wo dann eine über hundertjährige deutsche Ära einsetzte. Die Zeit der französischen Besatzung erstreckte sich nach dem ersten Weltkrieg bis 1930.

Diese Welle des Herrschaftswechsels fällt mit der von Zerstörung und Aufbau zusammen. Nach dem zweiten. Weltkrieg kam die französische Besatzung erneut ins Land und machte aus Kehl eine Besatzungszone innerhalb der Besatzungzone. Dabei war damals, als Straßburg im Herbst 1944 von den alliierten Truppen, erreicht wurde, die – Stadt Kehl auf Anordnung der deutschen Wehrmacht geräumt worden. Die Kehler waren im Schwarzwald und im übrigen Baden untergebracht worden, und dort warten die meisten noch heute sehnsüchtig auf den Tag ihrer Rückkehr

Im Westen, wo jetzt der Himmel etwas heller wird, liegt der Hafen, der neuralgische Punkt am Oberrhein und in der deutsch-französischen Politik. Der Blick vom Kirchturm braucht nicht erst lange zu suchen –: er stößt. von selbst auf. die Ansammlung. von Silos und Schornsteingruppen, auf die Kranarme und Rangiergleise und auf die ganze. Ausrüstung eines bedeutenden Hafens. Wie ein gewaltiger Kronreif steht das Gerüst eines Gasometers davor. Und das Pfeifen, Klirren, Rasseln, Schlagen und Schieben, die Geräusche des Hafens dringen durch die Turmluken herein. Das ist der Hafen, der für Südbaden genau soviel bedeutet wie der Straßburger Hafen für das Elsaß. So hat auch einst jeder der beides Rheinhäfen mit seinem eigenen Hinterland seine besondere. Aufgabe gehabt, die eine Konkurrenz eigentlich ausschloß. Trotzdem haben bei der Besetzung Kehls wirtschaftliche Erwägungen eine große Rolle gespielt: Zugunsten des Straßburger Hafens sollte Kehl nach Möglichkeit ausgeschaltet werden. Und um die Bedeutung des Straßburger Hafens zu steigern, beabsichtigten wohl auch die Franzosen parallel zum Rhein, den „Grand Canal d’Alsace“ mit acht Stromstufen auszubauen, wodurch dann im wahrsten Sinne des Wortes der Konkurrenz das Wasser abgegraben würde. Gewaltige Bagger, die diese Arbeit leisten sollen, sind bereits aufgefahren. Zwar hat man schon 1932 mit dem ersten Teilabschnitt des geplanten Rheinseitenkanals begonnen. Im Zuge der großen Politik ist jedoch die Arbeit liegengeblieben. Heute aber soll bereits das dritte Teilstück abgesteckt worden sein. Durch einen Stichkanal soll der III Kilometer lange Kanal bis nach Mülhausen geführt werden, um die dortige Industrie mit der Schiffahrt an dem Rheinseitenkanal zu verbinden. Auf den Kehler Hafen – das ist vorauszusehen – wirft sich dies übel aus. Als jüngst die ersten 500 Kehler wieder in ihre Heimatstadt zurückkehren durften, fiel in die Freude der Heimkehr als Wermutstropfen die Sorge um die Zukunft des Kehler Hafens.

Aus der Turmluke sahen wir über die Stadt, die vor ihrer Evakuierung 14 000 Einwohner zählte. Nach langen Verhandlungen sind nun vor einigen Monaten die ersten Häuser wieder as die Deutschen zurückgegeben worden. Seitdem erstreckt sich in zwei dünnen Klammern an der Peripherie der Stadt das „deutsche Kehl“. Es erstreckt sich einmal mit der Siedlung Fronhof zum Rhein hin und andererseits die Friedhofstraße entlang bis zur Kirche. Ein Stacheldrahtzaun riegelt die beiden Stadtteile von einander ab. Entlang der Friedhofstraße verläuft der Drahtverhau, der die Passage in zwei Bahnen aufteilt, in eine deutsche und in eine französische. Die Fahrbahn ist dadurch so schmal geworden, daß es keine Ausweichmöglichkeit gibt. Das erlebten wir, als uns bei der Heimfahrt ein Bauerngefährt entgegenkam: Unser Wagen blieb zwischen dem Stacheldraht und den Reisigwellen des Pferdefuhrwerkes stecken. Drüben auf den Straßenschildern lasen wir „Chemin de la Culture“, „Rue du Commerce“, und „Rue de la Barricade“. Und einen französischen Gendarm sahen wir den Stacheldraht entlang schlendern, Doch trotz der Gendarmen, trotz der Zöllner und des Stacheldrahts wird geschmuggelt in Kehl. Nicht gerade viel, doch Schokolade ist gegen Francs billig zu bekommen: 125 Gramm kosten 50 Pfennig und ein Liter Wein etwa eine Mark. Die nötigen Devisen beschaffen die Zivilarbeiter, die „drüben“ beschäftigt sind. Und hier gleich eine typische Szene: „Er“ radelte jenseits der Stacheldrahtgrenze, und „sie“ ging diesseits. Im Handumdrehen war das Geschäft getätigt, und ein Päckchen hatte seinen Besitzer gewechselt. Auch Stacheldrahtverhaue haben Lücken.