Von H. L. Kaster

Kairo, im Januar

Stimmrecht für die Frau und Verbesserung der häuslichen Lebenshaltung sind die zwei wichtigsten Ziele der neuen Bint-el-Nil-(Tochter-des-Nils-)Partei, der ersten Frauenrechtlerinnenpartei in Ägypten und im Nahen Osten. Unter der Leitung von Doria Shafik, der zweiunddreißigjährigen Herausgeberin verschiedener ägyptischer Frauenzeitschriften, die den philosophischen Doktorhut der Sorbonne besitzt und nicht wenig Energie ihr eigen nennt, will die neue Partei mit allen verfassungsrechtlichen Mitteln die politische Gleichberechtigung der Frau, die Abschaffung der Mehrehe und eine Änderung des Ehescheidungsverfahrens erkämpfen.

Seit dem Jahre 1918, als Frau Hoda Charauy Pascha die „Ägyptische Frauenunion“ gründete, und vor allem seit dem Jahre 1926, als der jahrhundertealte „Yashmak“, der Schleier, der das Gesicht der mohammedanischen Frau verdeckt, abgelegt wurde, und erst recht seit dem Jahre 1928, als zum ersten Male Mädchen zum Studium an der Kairoer Universität zugelassen wurden, sind die ägyptischen Frauen dabei, sich ihren Weg in das öffentliche Leben zu erkämpfen. Die Zeit, da eine nur allzu leichte Ehescheidungsmöglichkeit die Frau zu demütiger Unterwerfung unter die Macht des Mannes zwang, die Zeit, da die Frau in der erstickenden Atmosphäre eines Harems ihre Tage verbrachte, die Zeit, da sie nichts von ihrem Lande wußte, die Zeit, in der die Frau dann für besonders tugendhaft galt, wenn sie das Haus, das sie als Braut betreten hatte, nur verließ, um zu Grabe getragen zu werden, diese Zeit begann langsam zu verblassen.

Für die Frau des Westens war der Weg zur Freiheit leichter. Gewiß hatte auch sie zu kämpfen sie war nicht das Opfer so vieler Vorurteile und hatte nicht, wie die Ägypterin, mit so hartem Widerstand zu rechnen, wie er von der Azhar-Universität, jenem tausend Jahre alten Bollwerk des Islams, der ältesten Hochschule der Welt, ausgeht. Nun ist ein Propagandafeldzug – größer und stärker denn je zuvor – für die Frauenrechte in Ägypten im Gange; Bint el Nil verteilt Broschüren, hält Versammlungen ab und macht überall von sich reden. Die Ulemas, die islamischen Theologen, die beharrlich den Standpunkt vertreten, daß dem Koran zufolge, jeder Mohammedaner das Recht habe, vier Frauen zu heiraten, erhielten die Antwort: „Laßt uns einmal genauer nachlesen! Wie lautet doch die Koranstelle? – Sie lautet: ‚Du kannst vier Frauen heiraten unter der Bedingung, daß du sie alle gleich behandeln kannst!’... Aber du kannst sie nicht alle gleich behandeln!“ Und Bint el Nil fügte fragend hinzu: „Was sagt ihr nun?“

Schorr haben sich verschiedene Abgeordnete mit den Zielen der ägyptischen Frauenrechtlerinnen beschäftigt. Im Abgeordnetenhaus brachte der Abgeordnete Shawki el Tuny ein Gesetz ein, das den Frauen das Stimmrecht geben soll. „Es ist unlogisch“, sagte er, „das Stimmrecht weiblichen Ärzten, Rechtsanwälten und Professoren vorzuenthalten, wenn jeder ungebildete männliche Ägypter das Recht hat, zur Wahlurne zu gehen.“ Und im Senat wies Zaki el Oraby Pascha bereits darauf hin, daß dem Artikel III der ägyptischen Verfassung zufolge alle Ägypter, ohne Ansehen der Sprache, der Religion und des Ursprungs, die gleichen Rechte besäßen. „Das Wort ,Ägypter‘ umfaßt sowohl die Männer als auch die Frauen“, fühlte er aus, „und das Wort ‚Nation‘ schließt ohne Zweifel beide in sich ein.“