Im Dritten Reich war es üblich, aus Mangel an Zivilcourage, Kritik in der Weise an den Mann zu bringen, daß es hieß: ich habe dies oder das in der Bahn gehört. Es scheint, daß inzwischen Vertreter der Hohen Kommission dazu ausersehen sind, die Rolle jenes anonymen Reisenden zu übernehmen. Jedenfalls hatte man diesen Eindruck als neulich ein Blatt der SPD, die „Hannoversche Presse“, berichtete, ein hoher Beamter der allierten Kommission habe ihrem Korrespondenten in Frankfurt mitgeteilt, die 1,4 Millionen Arbeitslosen wären der Bundesregierung sehr willkommen, weil sie darin einen Machtzuwachs der Unternehmer sähe. Jener hohe Beamte habe ferner gesagt, „daß die Regierungsparteien weit davon entfernt seien, die soziale Seite des Arbeitslosenproblems zu betrach en, was die Hohe Kommission nur als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnen könne“.

Die britische Hohe Kommission hat bereits offiziell dementiert, daß derartige Äußerungen von einem ihrer Mitglieder gemacht worden seien. Es wäre sehr dankenswert, wenn auch der amerikanische Hohe Kommissar zu diesem Vorfall Stellung nehmen würde. Sollte er tatsächlich einen Mitarbeiter haben, der derartige Äußerungen getan hat, so würde es sich zweifellos empfehlen, dem Betreffenden die Möglichkeit zu geben, schnellstens in seine Heimat zurückzukehren, denn man sollte wirklich niemanden zwingen, zum Mitwisser oder, dank der Kontrollfunktion der Allierten, sogar zum Komplizen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu werden. Im übrigen ist es schon deshalb wichtig, festzustellen, ob es sich hier um eine Analogie zum anonymen Reisenden handelt oder ob ein derartig böswilliger hoher Beamter tatsächlich existiert, weil er ja laut „Hannoverscher Presse“ nicht nur seine Meinung wiedergegeben hat, sondern angeblich die der Hohen Kommission,

Wenn man nun den Bericht der „Hannoverschen Presse“ seiner giftigen Demagogie entkleidet, so bleibt als Kern die nicht unberechtigte Sorge, die Bonner Regierung könnte über ihrer Freude an den Erfolgen der liberalen Wirtschaftspolitik die sozialen Probleme aus dem Auge verlieren. Gewiß lebt heute, verglichen mit der Zeit der Bewirtschaftung, eine wesentlich größere Anzahl der Bevölkerung in wirtschaftlich erträglichen Umständen. Das sollte aber nicht zu der Schlußfolgerung führen, daß darum alles darauf ankommt, die Liberalisierung unter allen Umständen weiterzutreiben, alles andere werde sich dann schon finden. Dies scheint aber die Idee des ERP-Ministeriums zu sein. Jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck aus dem Abschnitt 188 des Berichtes für die OEEC, der in erstaunlich unverständlicher Weise eine Art surrealistischer Ökonomie entwickelt. Es heißt dort, es bestehe die Gefahr, daß das Investitionsprogramm sogar verlangsamt werden müsse, weil eine Erhöhung des Produktionsniveaus automatisch zu einer Erhöhung der Beschäftigung und damit der Kaufkraft führe. Bei ungenügendem Konsumgüterangebot würde die gesteigerte Nachfrage aber Preissteigerungen verursachen oder die liberale Wirtschaftsmethode müsse preisgegeben werden. Wer so argumentiert, stellt offenbar die Liberalisierung der Wirtschaft über die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Sollte das aber der Inbegriff der sozialen Marktwirtschaft sein, so verzichten wir gern auf sie. Wenn es sich aber, wie wir hoffen, nur um den Dilettantismus eines ERP-Beamten handelt, darf das Ministerium sich nicht wundern, wenn derartige Äußerungen eines offziellen Berichtes zu heftiger Kritik Anlaß geben. Dff.