A. M. München, im Januar

Es gibt nicht wenige in Bayern, die behaupten: es würde noch immer viel zuviel geschossen und gerauft ... Zu Nürnberg stellten im November zwei Zivil-Amerikaner einen Spaziergänger und veranstalteten ein lustiges Wettschießen auf ihn, so daß er sich nur durch „volle Deckung“ schützen konnte. Zu Hersbrück gab es Streit um eine 24jährige Kontoristin, Hanni Rausch, die am 30. Dezember des vergangenen Jahres in einer Kneipe mit einem Soldaten der US-Armee saß. Dies wollte deutschen Gästen des Lokals nicht gefallen. Sie lauerten dem Jeep des Amerikaners auf, bewarfen ihn mit Steinen und trafen die Kontoristin so unglücklich am Kopf, daß sie wenige Stunden darauf starb. Und dies sind nicht die einzigen Fälle, die uns sagen, daß es nirgendwo in Westdeutschland so derb, ja manchmal hart zugeht wie im Süden des Bundesgebietes zwischen Deutschen und Amerikanern. Aber in München sind es die Kinder, die allen Grund haben, die Amerikaner zu lieben: sie haben im „Amerika-Haus“ eine Bibliothek, Filmvorstellungen, Märchenstunden und Sing- und Spielkreise für die Kinder eingerichtet, die niemand mehr missen möchte.

Wenn man als Besucher des Amerika-Hauses zuerst im ersten Stock die Bibliothek für Erwachsene aufgesucht hat und hinterher zu den Kindern ging, dann wurde man gewahr, daß wirklich „geistige Atmosphäre“ in der Kinder-Bibliothek herrscht, während die Erwachsenen „ihre“ Bücherei teilweise längst zu dem gemacht haben, was heute anscheinend das Schicksal von Bibliotheken ist, nämlich Aufenthaltsraum oder Wärmehalle zu werden. Die Kinder aber sind mit Eifer bei den Büchern, es herrscht eine Ruhe, die selbst einen strengen Lehrer zufriedenstellen würde. An einem Tisch sitzen kleine Mädchen über amerikanische Bilderbücher gebeugt. Es gibt nur amerikanische in der Bibliothek. – „Könnt ihr denn Englisch lesen?“ Sie schütteln die Köpfe. Aber die Bilder amerikanischer Kinderbücher sind von solcher Buntheit, von so großer Gegenständlichkeit in der Darstellung, daß sie die den Kindern unverständliche Unterschrift schließlich auch entbehren können. (Hier zeigt sich der Unterschied zu den deutschen Bilderbüchern, die häufig mehr oder weniger „Struwelpeter-Bilderbücher“ bleiben; will sagen: Bücher mit langen Texten, die durch Bilder ergänzt werden.)

Die Aufsicht führt eine Kindergärtnerin, ein junges Mädchen, die auch die Singspiel- und Märchenstunden leitet. Außerdem besteht ihre Aufgabe darin, an die Kinder Kinokarten zu verteilen für die Filmvorstellungen, die zweimal wöchentlich für sie stattfinden. Es wird dann ein Trickfilm oder ein Kulturfilm mit einer eigens für die Kinder zurechtgeschnittenen Wochenschau vorgeführt. Schließlich hat sie noch die Anweisung, den kleinen Besuchern nur auf deren ausdrücklichen Wunsch bei der Auswahl der Lektüre behilflich zu sein. Und der Erfolg dieser Erziehungsmethode, der lediglich darin besteht, die Kinder wie selbständige Menschen zu behandeln, an ihre Einsicht zu appellieren und nicht an ihren Gehorsam, straft das deutsche Vorurteil Lügen, daß diese Methode vielleicht für Amerika richtig sei, nicht aber bei uns in Deutschland. Es hat – so erzählt die Kindergärtnerin – während ihrer Tätigkeit in der Bibliothek kaum einmal Streit gegeben. Und es sei noch nie ein Buch weggekommen, obwohl allein in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr 1128 Kinder die Bibliothek benutzt hätten.