Ende Dezember vorigen Jahres trat Sonderbotschafter Philip C. Jessup im Auftrage Präsident Trumans eine Informationsreise durch die Länder des Fernen Ostens an. Diese Reise wird in Bangkok enden, wo Jessup den Vorsitz in der am 5. Februar beginnenden Konferenz aller in asiatischen und pazifischen Staaten akkreditierten Missionschefs der USA führen wird. Die Ergebnisse dieser Konferenz werden von ausschlaggebender Bedeutung für die zukünftige Politik Washingtons im Femen Osten sein.

Von seinem Besuch in Japan scheint Jessup sehr befriedigt gewesen zu sein, denn vor seinem Abflug nach Korea bezeichnete er die Fortschritte Japans als „außerordentlich“ und das Wirken MacArthurs als „besonders hervorragend und von großer historischer Bedeutung“.

Die zweite Station seiner Reise war Seoul, die Hauptstadt der südkoreanischen Republik, Dieses Staatsgebilde, an dessen Konsolidierung den Vereinigten Staaten aus politischen und strategischen Gründen viel gelegen ist, lebt trotz der beachtlichen Hilfe Washingtons in einem Zustand dauernder finanzieller, wirtschaftlicher und innenpolitischer Krisen. Die Regierung, die durch ihre finanzielle Mißwirtschaft eine nicht mehr kontrollierbare Inflation ausgelöst hat, bekämpft die verständliche Unzufriedenheit und Opposition in der Bevölkerung mit den Mitteln einer Polizeidiktatur. Mr. Jessup konnte sich bei seiner Teilnahme an einer Sitzung des Parlaments persönlich von den Auswirkungen dieser Diktatur überzeugen, als er die leeren Sitze von fünfzehn verhafteten Abgeordneten sah, die jetzt Gelegenheit haben, in Gefängnissen oder Konzentrationslagern über die demokratischen Methoden ihrer Regierung nachzudenken. Jessups unverhohlene Kritik hatte zur Folge, daß unmittelbar nach seiner Abreise der Minister für Ernährung und Landwirtschaft von seinem Posten zurücktrat und energische Maßnahmen zur Senkung des Preises für Reis, das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung, ergriffen wurden.

Von Seoul flog Mr. Jessup nach der Insel Okinawa, wo er während seines eintägigen Aufenthaltes die Einrichtungen dieses wichtigen USA-Marine- und Luftstützpunktes besichtigte. Der anschließende Besuch in Taipei. dem Sitz der national-chinesischen Regierung auf Formosa, dauerte drei Tage. Hier interessierte Mr. Jessup weniger die von Tschiangkaischek vertretene optimistische Auffassung über die militärische Lage, als vielmehr die innenpolitische Opposition gegen den Marschall auf Formosa selbst. Tschiangkaischek glaubte, diese Besorgnis Washingtons am besten dadurch zerstreuen zu können, daß er kurz nach der Abreise Jessups nach bewährtem Muster alle diejenigen Beamten der Provinzialregierung Formosas entfernen ließ, die als Exponenten jener Opposition galten,

Der Besuch, den Mr. Jessup anschließend der englischen Kronkolonie Hongkong abstattete, diente in erster Linie der Information über die englische Chinapolitik, auf die Hongkong einen erheblichen Einfluß ausübt. Botschafter Jessup hatte hier Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, daß englische Kreise, die von Washington verfügte Abberufung aller amerikanischen Konsularvertretungen aus China für eine überstürzte und unzweckmäßige Maßnahme halten, die den gemeinsamen englischen und amerikanischen Interessen im Fernen Osten nicht förderlich sei.

Am 20. Januar flog Mr. Jessup von Hongkong zu einem viertägigen Besuch nach Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Bei seiner Ankunft stand die Regierung in Manila noch völlig unter dem deprimierenden Eindruck der an ihre Adresse gerichteten Vorwürfe von Außenminister Acheson, sie habe Mißwirtschaft bei der Verwendung der 2 Milliarden Dollar Hilfsgelder getrieben. War man bei dem Besuch Jessups auf ähnliche Vorwürfe gefaßt, so wich diese Sorge einer angenehmen Überraschung, als Botschafter Jessup nicht nur erklärte, daß die Philippinen weiterhin wirtschaftliche Hilfe auf Grund des „Punkt-Vier-Programms“ erhalten müßten, sondern darüber hinaus die Bereitwilligkeit der Vereinigten Staaten zu einer militärischen Verteidigung der Philippinen zusagte, falls die Regierung in Manila einverstanden sei. daß die Philippinen in die strategischen Verteidigungspläne der USA einbezogen würden.

Mit der regierungsseitigen Zusicherung, daß dies der Fall sei, konnte Botschafter Jessup am 24. Januar seine Informationsreise fortsetzen und nach Saigon, der Hauptstadt Französisch-Indochinas weiterfliegen. Das beherrschende Thema seiner dortigen Gespräche mit Léon Pignon, dem französischen Hohen Kommissar, und mit Bao Dai, dem von Frankreich eingesetzten Staatschef Vietnams, ist die Anerkennung der aufständischen Regierung Ho Chi Minh durch die chinesische Regierung in Peiping und ihre möglichen Folgen. Jessup hat die schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, sich ein objektives Bild über die Lage in Indochina zu machen. Seine Auffassungen, die er den in Bangkok versammelten Botschaftern, Gesandten und Geschäftsträgern vortragen wird, werden für die zukünftige Politik Washingtons in diesem neuen Brennpunkt der Weltpolitik maßgeblich sein.

EK.