Von Oda Schäfer

Zu Fuß im Schnee ist ein neues Vergnügen inden Bergen. Der Fußgänger wird angestarrt wie ein Revenant, der aus verschollenen Zeiten emporsteigt. Er ist sich bewußt – aber mit Stolz –, wie unmöglich und antiquiert er wirkt. Aber dadurch ist er bereits zum Gegen-Snob geworden, die andern wissen es nur noch nicht. Das Modische Von gestern ist immer leicht lächerlich, das von vorgestern hat schon wieder seinen Chic durch das Come-back. Man muß nicht mehr unbedingt auf den mit Holz verlängerten Füßen ungeschickt herumrutschen, um mit Bänderriß, ausgerenkter Kniescheibe und Gipsbein zu quittieren, man darf wieder spazieren gehen.

Wer dahinsaust, sei es im Auto oder auf Skiern, sieht nichts von der Umgebung. Es sind wenige, die dieses Faktum begriffen haben. Der schlichte Fußgänger ist ein verkappter Poet, Liedersänger, Maler und Naturforscher, und da er das Gegenteil vom Marschierer bedeutet, auch ein Individualist und geistiger Aristokrat. Massenbetrieb und Lärm sind dem einzelnen ein Greuel. Sie würden ihn daran hindern, die Schönheit der Welt, die von den Lärmmachern immer noch nicht ganz zerstört ist, in Stille andächtig zu bewundern. Der einsame Spaziergänger nämlich gewährt überall in kleinen Zeichen, die wie köstliche Miniaturen oder geheimnisvolle Bilderschriften anmuten, den Schöpfer: in den Brustfedern eines Singvogels, im grünschattigen Schnee unter den breitschirmigen Fichten, verfärbt von den abgefallenen Nadeln, in einem Kreise als abgegrenztem Refugium, unter dem man sommers den Gewitterregen abwarten konnte.

Wenn der Frost über das Gebirge fällt und seine Todesstarre wie Raubvogelfänge in die weichen Matten schlägt, dann künden allein die kleinen Rinnsale der Bergwässer vom unsterblichen Leben. Überall haben sie im Kalkstein steile Schluchten gefressen, mit jener zähen Geduld, wie man sie dem Leben gegenüber zeigen sollte und wie sie wohl nur noch im Fernen Osten geübt wird. Wer schnell lebt, verliert das Spiel, so lehrt die Natur. Die Spielregel mag heute in Vergessenheit geraten sein, vor lauter Lebensangst. Wer die Existenz des Menschen begreifen will, lausche einmal für einige Stunden diesem monologischen Murmeln, das den gleichen Sinn in sich trägt wie das Rauschen der Wälder und des Meeres. Seltsam getröstet wird er sich nachher erheben als ein Weiser, und ein Gefühl im Rücken spüren, als habe man ihm eine neue Wirbelsäule eingezogen.

Der Spaziergänger sucht auch gerne den See auf, der nun einer weißen Ebene gleicht. Rührend ist die Bank am Ufer, auf der vor kurzem noch im wärmeren Dezember die Liebespaare den aufsteigenden Mond betrachten konnten. Ein Hund springt in clownhaften Sätzen durch den tiefen Schnee heran, jedesmal versinkend und sich wieder hochreißend. Er hat eine Kontur von purem Golde, aber die vergoldeten Borsten verraten schon, daß es sich um einen reizenden Bastard handelt, mit dem sich gut leben läßt. Nichts auf der Welt ist so gefühlskalt wie ein Rassetier, handele es sich um Hunde, Pferde oder Damen.

Der kurze Abstieg ist schon in jenes rosenrote Licht getaucht, das in den Dolomiten die Sage vom Rosengarten des Königs Laurin entstehen ließ. Der elefantengraue Rücken des Karwendel errötet wie die Wangen einer Jungfrau, nachher wird er schnell dunkel und rückt so nahe, daß jeder Kundige die Föhnlage erkennen kann. Er ist für Eingeweihte das Wetterorakel, manchmal ist er fern und von zartblauer Gaze verhüllt, was das Gemüt heiter stimmt, manchmal verkündet er Schlechtwetter und ist dicht vor der Nase, manchmal von blauschwarzen Tinten übergössen und Katastrophen andeutend, wie Ehekrach, Asthma, Herzbeklemmungen oder Embolien nach Operationen ...