Ein Urgroßvater war der Unsterblichkeits-Philosoph Moses Mendelssohn, der Freund Lessings und Lavaters. Sein Onkel zweiten Grades war Felix Mendelssohn-Bartholdy, der romantische Komponist. Er selbst wurde am 28. Dezember 1855 in Ratibor als Sohn des Obermaschinenmeisters bei der Wilhelmsbahn, Wilhelm Mendelssohn, geboren. Als in seinem elften Lebensjahre der unglückliche Krieg zwischen Preußen und Österreich ausbrach, meldete sich sein Vater freiwillig zur Pflege cholerakranker preußischer Soldaten, steckte sich an und starb. Wir sprechen von Arnold Mendelssohn.

Man muß ein Lexikon oder ein Musikerhandbuch aus den Jahren vor 1933 nachschlagen, um einige Personalangaben über Arnold Mendelssohn zu finden. Da steht dann etwa, daß er sich um eine Erneuerung der evangelischen Kirchenmusik bemüht habe und auch als Schöpfer von Opern- und Liederkompositionen hervorgetreten sei. Auch ein Komponist also und dazu ausübender Musiker, Organist, Dirigent und Musikpädagoge, der die letzter, vierzig Jahre seines Lebens in Darmstadt tätig war. Es kann wohl sein, daß von diesem Komponisten Arnold Mendelssohn in kommender Zeit, wenn sich die chaotische Lage der Musik noch einmal klären sollte, mehr als gegenwärtig gesprochen wird. Sehr intime Kenner der Verhältnisse halten es sogar für möglich, daß auf lange Sicht der Neffe den heute noch so viel berühmteren Oheim als Tondichter überleben könnte. Nicht in Vorwegnahme einer solchen Möglichkeit sprechen wir jedoch vom „dritten Mendelssohn“, sondern unter dem Eindruck eines Buches „Gott, Welt und Kunst“ (Insel-Verlag, 387 Seiten, gebunden 9,50 DM), das aus nachgelassenen Aufzeichnungen Arnold Mendelssohns von einem Freunde des rechtzeitig 1933 Verstorbenen zusammengestellt und herausgegeben wurde.

Dieses Buch ist eine literarische Überraschung. Nicht nur deshalb, weil man bisher zwar etwas von dem Musiker, aber kaum von einem Schriftsteller und Denker Arnold Mendelssohn wußte; sondern einfach, weil es ein köstliches, außerordentliches, jedem Autor, wer er auch sei, Ehre und literarische Dauer einbringendes Buch ist. Arnold Mendelssohn gibt an einer Stelle selbst eine Erklärung für sein opus posthumum. Es handelt sich hier um kein geplantes oder erarbeitetes, sondern um ein ganz zwanglos gewachsenes Aphorismenwerk, mit dem sich der Autor die letzten zwanzig Jahre seines Lebens ohne ehrgeizige Publikationsabsicht „nur für sich selbst und einen imaginären Leser“ beschäftigt hat. „Mein inneres Leben ist nicht, wie es sich heut’ gehört, ein Kreisen um ein Zentrum; es beschreibt eine Ellipse um die beiden Brennpunkte Philosophie und Musik. Nun geht’s mir wie dem Strauß in der Lessingschen Fabel, von dem das Pferd sagt: Laufen kann der Strauß nicht sonderlich, vermutlich aber fliegen –, und der Adler: Fliegen kann der Strauß nicht, vermutlich läuft er um so bessser!“ Der Leser wird freilich solche Bescheidenheit sehr rasch dahin korrigieren, daß in diesem Nachfahren der Mendelssohns keineswegs ein blasser Epigone, sondern eher die Erfüllung der beiden großen, in der Familie gelegenen Begabungen herausgekommen ist.

Arnold Mendelssohn ist kein Schulphilosoph. Man kann ihn jedoch im Hegeischen Sinne eine große natürliche Vernunft nennen, die, wie das größte Beispiel Goethe, zwischen Schule und Dilettantismus steht. Man kann aber auch ganz schlicht von einem ebenso kenntnisreichen wie weisheiterfüllten, herzhaften wie scharfsinnigen Kopf und Geist sprechen. In den Aphorismen äußert sich ein alter Mann, der unablässig zu denken gewohnt, über künstlerische, religiöse, philosophische und auch politische Dinge und nicht zuletzt das, was er denkt, auch wirklich in vollkommener Weise auszusagen versteht.

In Hessen, Arnold Mendelssohns zweiter Heimat, macht man die hübsche Unterscheidung von wirklichen Gedanken und bloßen Kopfgedanken. Die Hälfte der üblichen Philosophie und Aphoristerei sind sicherlich nur Kopfgedanken. Antithesenschnappen, kalter Esprit, Prätention und Pointierungssucht, alle diese Untugenden, die einem viele auch der berühmtesten Aphorismensammlungen und sogar fast die gesamte französische Moralistik früher oder später verleiden können, fehlen völlig in diesem Buche, ohne daß es deshalb deklassiert oder gar provinziell und langweilig würde. Insbesondere wird natürlich, bei der Doppelbegabung Mendelssohns, der schöpferische Musiker und der Musiktheoretiker aus den Aufzeichnungen profitieren können. Aber auch sonst bewegen sich die nach allen Himmelsrichtungen ausstrahlenden Bemerkungen Mendelssohns fast immer auf der feinen Linie des Wahren und Richtigen.