Von W. Fredericia

In Manchester (New Hampshire, USA) wird sich in Kürze der 40jährige Arzt Dr. Hermann Sander wegen Mordes zu verantworten haben. Sander hat eine Patientin, Mrs. Borotto, eine 59jährige Frau, die an Darmkrebs im letzten Stadium litt und von unerträglichen Schmerzen geplagt war, durch Injektion von Luft in die Blutbahn getötet. Als Frau Borotto, die angesichts einer weit fortgeschrittenen Metastasenbildung höchstens noch einige Wochen hätte am Leben erhalten werden können, gestorben war, schrieb Dr. Sander als Todesursache ins Krankenjournal: Embolie durch Injektion von 10 Kubikzentimeter Luft. Er wurde verhaftet, dann gegen Kaution entlassen und unter Mordanklage gestellt. „Ich habe weder gesetzlich noch moralisch Unrecht getan“, sagte er und machte klar, daß er die Eintragung ins Krankenjournal als eine Selbstanzeige ansehe, daß er den Prozeß wünsche und damit zur Lösung des Euthanasieproblems beizutragen beabsichtige.

Dieses Problem, das die Öffentlichkeit auch in Europa in den letzten Jahren mehr und mehr beschäftigt hat, stellt die Frage, ob das Gebot „Du sollst nicht töten“ vom Arzt straflos übertreten werden darf, der einen unheilbaren Kranken durch einen schmerzlosen Tod erlöst, anstatt ihn eine kurze Frist des Lebens oder Fortvegetierens durch furchtbarste Schmerzen bezahlen zu lassen. Schon die Fragestellung zeigt, daß es sich viel weniger um ein medizinisches oder juristisches Problem handelt, als um eine Frage, die von der Ethik, das heißt von der Philosophie, zu beantworten ist. In der Tat hat sich bisher kein Kulturstaat zu einer gesetzlichen Regelung entschließen können, und diese Zurückhaltung ist verständlich. Das Problem, zwar viel diskutiert, ist dennoch zu wenig durchdacht.

Wenn man über die „Mitleidstötung“ überhaupt diskutieren will, so muß vor allem der grundlegende Unterschied erkannt werden, der darin liegt, ob der Patient die tödliche Injektion gefordert hat oder nicht. (Im Falle Sander scheint dies nicht geschehen zu sein, angeblich haben die Verwandten seiner Patientin zugestimmt; doch kann die Zustimmung der Angehörigen selbstverständlich gar nichts bedeuten.) Wenn der Patient, nach Einsicht in seine rettungslose Lage, den Arzt um die tödliche Injektion bittet, dann ist die Erfüllung dieser Bitte nicht dasselbe wie Mord. Der Arzt, der dem Wunsch des Patienten willfährt, wäre eher der Beihilfe zum Selbstmord – in manchen Ländern aber der „Tötung auf Verlangen“ – schuldig. Es hinge nun also davon ab, ob man den Selbstmord überhaupt als unmoralisch ansieht. Das Christentum verwirft den Selbstmord in jedem Falle, obwohl – wie Schopenhauer feststellte – weder das Alte noch das Neue Testament dafür eine Stütze gibt. Andere Religionen verurteilen den Selbstmord nicht. Da aber auch von jenen Menschen, die den Selbstmord für unmoralisch halten, doch zwischen der Verwerflichkeit des Mordes und des Selbstmordes ein sehr großer Unterschied gemacht wird, müßte ganz allgemein die Tötung aus Mitleid und auf Wunsch des Patienten anders beurteilt werden als ein Mord. Dabei hätte der Arzt die Beweislast sowohl für den Wunsch des Patienten wie für seine Zurechnungsfähigkeit und auch für die Unheilbarkeit der Krankheit zu tragen. Für den Gesetzgeber wird dann immer noch die ungeheuerliche Frage bestehenbleiben, ob er ein neues Delikt – nämlich wie in manchen Ländern „Tötung auf Verlangen“ – definiert und geringer bestraft als den Mord oder ob er sich entschließt, diese Art der Selbstmordbeihilfe straffrei zu lassen.

Ganz anders steht es um die Tötung aus Mitleid ohne Zustimmung des Patienten, also aus der freien Entscheidung des Arztes. Diese Tötung mit dem Moralgesetz in Einklang zu bringen, scheint gänzlich unmöglich zu sein. Das würde nämlich eine Wertordnung voraussetzen, die der Vermeidung des Schmerzes mehr Gewicht beilegt als der Erhaltung des Lebens. Eine solche Wertordnung kann nicht bestehen –: sie würde dem moralischen Empfinden vollkommen widersprechen. Die Moral kommt ja gerade in erster Linie der Erhaltung des Lebens des Mitmenschen und erst in zweiter Linie seiner Bewahrung vor Nachteil und Schmerz zugute, was beispielsweise leicht daraus zu erkennen ist, daß wir einen Mord spontan unendlich viel tragischer nehmen als eine Körperverletzung, wenn sie auch Schmerzen verursacht. Daraus geht schon hervor, daß die Tötung Kranker, auch Geisteskranker, unter dem Gesichtspunkt irgendwelcher dubioser Interessen des Staates oder der sogenannten Allgemeinheit mit moralischen Gesetzen gänzlich unvereinbar ist und daher den Tatbestand des Mordes erfüllt, gleichgültig welche Vorschriften ein verkommener Gesetzgeber (wie die Gesetzgeber im „Dritten Reich“) darüber erlassen mag. Denn für Mord kann es nie eine soziale Indikation geben.

Bei all solchen Überlegungen darf ein praktischer, aber eminent wichtiger Gesichtspunkt schließlich nicht unbeachtet bleiben. Der Gesetzgeber, der sich an das Problem der „Mitleidstötung“ heranwagen wollte, geriete in die Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Denn wer kann die Grenze ziehen, wo das Recht zur Tötung wieder aufhören sollte, wenn es einmal – und sei es auch unter ganz bestimmten Umständen – in das Belieben von Menschen gestellt wäre? Wer könnte den Irrtum, wer die Habgier und die Bosheit ausschalten? Und wer könnte für einen solchen Zweck genügende Definitionen finden? Das erste Ergebnis würde die Angst des Patienten vor dem Arzt sein!

Der Fall Sander bewegt die Öffentlichkeit in Amerika seit Wochen heftig. Wenn die Geschworenen – denen es ja nicht obliegt, das Gesetz zu überprüfen – die Frage zu beantworten haben, ob die Tat Dr. Sanders den gesetzlichen Tatbestand des Mordes erfüllt, und ein „Schuldig“ sprechen, dann muß ihn der Richter zum Tode oder zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilen. Daher trägt das Verfahren alle Elemente eines tragischen, auch vom Gesetzgeber nicht gewollten Ablaufs in sich. Das wird der Erörterung des Problems in den USA vermutlich den von Sander gewünschten Anstoß geben. Schon jetzt berichtet News Week, viele amerikanische Ärzte erklärten freimütig, „es sei keineswegs ungewöhnlich, den Eintritt des Todes im Endstadium einer hoffnungslosen Krankheit zu beschleunigen...“