Georg Büchner läßt Robespierre im „Danton“ sagen: „Die Waffe der Republik ist der Schrecken, die Kraft der Republik ist die Tugend...“ Robespierre war ein blutrünstiger Philister; jener Graf Mirabeau dagegen, der zu Beginn der Französischen Revolution vergeblich versuchte, den Karren vom Wege zur Guillotine auf die breite Bahn der konstitutionellen Monarchie abzulenken, war beileibe nicht tugendsam, doch er konnte seine ganze Kraft einsetzen gegen eine Schreckensherrschaft, deren Nahen sich für ihn bereits abzeichnete. „Ich nehme das Trauergewand des Königtums mit mir, um seine Fetzen werden sich die Aufwiegler balgen“, sagte er kurz vor seinem Tode im Frühjahr 1791. – Diesen Grafen Mirabeau, der von seinen Zeitgenossen in einem Atemzug verdammt und verherrlicht wurde, als Menschen des Ancien Regime und als Politiker einer neuen Epoche gezeigt zu haben, ist Erhard Breitner gelungen, einem Autor, dessen Biographien über die Dubarry und Peter den Großen unvergessen sind. Er selbst verschwand, als ihn 1943 die Gestapo in Österreich aufspürte, wohin er sich nach einem Schreibverbot in Deutschland zurückgezogen hatte. Der Carl-Schünemann – Verlag in Bremen hat nun zum 200. Geburtstag des „Revolutionärs für den König“ seine Biographie Mirabeau herausgebracht. Ehrlich gesagt, man wird ungeduldig, wenn erst die Ahnengalerie und die von Gefängnissen, Gerichtsverfahren und ausschweifendem Treiben beschattete Jugend passiert werden muß, bis dann Mirabeau, der vital Strebende, Mirabeau, der mitreißende Redner – Royalist und Jakobiner in einer Person – sein äußerst empfindliches Netz spinnt, in dem er zuletzt sich selbst fängt. Jedoch, der reife Mirabeau ist ohne den suchenden, ringenden nicht zu verstehen. Der versucht sein Glück in Holland, dann in England, möchte Fuß fassen im Berlin Friedrichs des Großen. Als er seine Stunde für gekommen hält, spielt er nur die zweite Geige deren Saiten aber jeden Augenblick mit einem schrillen Mißton zerreißen können. Der Reiz des Buches liegt in der virtuosen Fähigkeit Breitners, über der Materialfülle den Menschen nicht zu vergessen. H. S.

Zwei Präsidenten – zwei Biographien – zwei Gegensätze. Der Kontrast zwischen Werner Richters „George Washington“ (Eugen-Rentsch-Verlag, Zürich) und Franis Perkins’ „Roosevelt“ (Duncker u. Humblot, Berlin-München) verleiht beiden Büchern, wenn man sie unmittelbar nacheinander liest, einen erregenden Reiz. Denn die beiden Staatsmänner trafen die vielleicht bedeutendsten Entscheidungen in der Geschichte der USA und fällten sie doch von zwei grundverschiedenen Standpunkten aus. Für Washington stand an erster Stelle die Pflicht gegenüber der Nation. Sie ließ ihn, gleichgültig ob als Präsident oder General, als Besitzer seines geliebten Mount Vernon oder Familienoberhaupt, stets als Patriarchen erscheinen, der seinen Verstand seinem Gewissen unterordnete. Für Roosevelt hingegen gab es neben dem „großen Spiel“, dem der Weltpolitik, noch eine Reihe von anderen, kleineren, die er mit derselben Leidenschaft und Leichtigkeit beherrschte. Er war geradezu kindisch eitel, schreibt Mrs. Perkins, auf seine Fähigkeiten zu fischen, Churchill zu ärgern und Stalin zum Lachen zu bringen. Und in der Tat, hier lag seine wahre Meisterschaft: im Gewinnen von Menschen, gleichgültig ob es sich um Diplomaten oder Massen, Männer oder Frauen handelte. Washington liebte sein Volk und tat für es, was er für das Beste hielt. Roosevelt wurde vom Volke geliebt, und das hielt, was er tat, für das Beste.

Richters Buch ist glänzend geschrieben und mit viel zeitgenössischer und darstellender Literatur belegt. Françcois Perkins’ Werk über Roosevelt trägt den Untertitel „Wie ich ihn sah“. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Als langjährige Mitarbeiterin und Vertraute des Präsidenten hat sie natürlich eine Fülle von Erlebnissen und Eindrücken aufzeichnen können, die ohne sie unbekannt geblieben wären. Die Objektivität aber mußte darunter leiden. Als Roosevelt nach Jalta fuhr, hatte er keinerlei festen Plan, sondern er wollte, wie der ehemalige Botschafter C. Bullitt in seinen Memoiren berichtete, „Stalin bezaubern“. Das ist ihm bei dem Generalissimus nicht gelungen; die Welt krankt noch heute an den Folgen jener Konferenz. Bei Francis Perkins aber hatte er Glück; ihr Buch zeigt es. C . J.