Von Erich W. Gniffke

„Der Sendbote der Einheit verhilft der Wahrheit über die Ostzone zum Durchbrach“, so hieß es in einer kommunistischen Zeitung am 3. August 1946, als Erich W. Gniffke, ursprünglich Sozialdemokrat, damals aber führendes Vorstandsmitglied der ostzonalen SED, eine Propagandareise nach Westdeutschland gemacht hatte. Damals beantwortete Gniffke viele Fragen durch ein stereotypes „Mir ist nicht bekannt...“. Beispielsweise: „Mir ist nicht bekannt, daß die Vertreter der CDU und LDP in der Sowjetzone irgendwelche Schwierigkeiten haben sollten.“ Heute lebt Gniffke, der im November 1948 aus der Ostzone floh, in Westdeutschland, wo er – allerdings kein „Sendbote der Einheit“ mehr – nun wirklich der Wahrheit über die Ostzone zum Durchbruch verhilft. Er hat seine Erfahrungen gesammelt, ihm ist bekannt ...

Seit Neujahr sind in der „Deutschen Demokratischen Republik“ der Sowjetzone sowohl von den Mitgliedern der sowjetischen Protektoratsregierung, als auch von den in der SED eingesetzten Befehlsempfängern des Politbüros der KPdSU (B) viele Reden gehalten worden. Dabei trat ein kleiner Wechsel in der Rednergarnitur in Erscheinung: Pieck Ulbricht und Grotewohl sind „Staatsmänner“ geworden und halten darum die staatsmännischen Reden, während als Einpeitscher für die Parteiparolen jetzt Franz Dahlem herausgestellt wird. Ulbricht, der sich, bevor er „stellvertretender Ministerpräsident“ wurde, schnell noch selbst zum „Vorsitzenden des Sekretariats“, also zum allmächtigen Generalsekretär der SED gemacht hatte, wird auch im Jahre 1950 der aktivste Mann bleiben. Noch immer besitzt er das Vertrauen L. P. Berias in Moskau, und das ist die beste Rückendeckung, die es für eines SED-Politiker gibt.

Das Dreigestirn Ulbricht, Pieck und Dahlem arbeitet Hand in Hand. Franz Dahlem gehört zu den „Kommunistisch-Gläubigen“: er glaubt nämlich, was er sagt; er glaubt sogar fanatisch; Pieck hingegen sagt nicht, was er glaubt, und Ulbricht glaubt nicht, was er sagt. Aber die Anhänger Ulbrichts – gestützt auf die Macht der Sowjetunion – glauben, daß sie zu erreichen haben, was das Politbüro in Moskau erreicht wissen will...

Blicken wir zurück auf die Zeit des demokratischen Deutschlands, auf die Zeit vor 1933, so kann als das hervorstechende Merkmal der kommunistischen Deutschland-Politik die in der politischen Arbeiterbewegung gut bekannt gewordene Parole festgehalten werden: „Ein in die Kartoffeln; raus aus die Kartoffeln!“ Diese Politik kennzeichnete sich durch einen sehr häufigen Wechsel in denkommunistischen Parteileitungen Jeder Nachfolger in der Parteiführung versuchte es dann mit einer „neuen und realen Politik“. Doch daran änderte sich schon damals grundsätzlich nicht, daß die kommunistische Politik in Deutschland ausschließlich durch die Moskauer Wunschbrille gesehen wurde. Wer in den deutschen kommunistischen Kadern sich nicht die gleiche Brille verpassen ließ, flog. Zu dieser Zeit gab es noch heftige Gegensätze zwischen Dahlem und Ulbricht. Sie wurden nach Moskau befohlen, Kurze Unterweisung –: Beide bekannten sich fortab zur gleichen Linie. So blieb es bis 1933. Das war das Jahr, in dem die führenden Kommunisten, sobald sie die Möglichkeit dazu fanden, nach Moskau emigrierten. Ulbricht fand sie, Dahlem nicht.

Zwölf Jahre wurden die deutschen Emigranten in die Moskauer Schule genommen. Durch Kritik und „Selbstkritik“ mußte jeder einzelne seine intimsten Gedanken, seine stillen Hoffnungen bekennen, mußte sein innerstes Wesen, mußte alles das, was den Wert eines selbständig denkenden Menschen ausmacht, nach außen krempeln Erst dann wurden sie „auf Linie gestellt“. Es gab Zurechtweisungen – „brüderliche Hilfe“ genannt –, es gab auch einige Verhaftungen; bei den meisten blieb es freilich nur bei Drohungen. So wurden. aus Menschen gehorsame Figuren. War diese Umschmelzung wohlgelungen, so bestand die höchste Anerkennung für den einzelnen in der Zuerkennung der sowjetischen Staatsangehörigkeit Sowjetbürger wurde nicht nur Ulbricht, sondern wurden auch einige Ulbrichtianer, die 1945 von der Roten Armee in Deutschland mitangeschwemmt wurden. Ulbricht – persönlich jeder Zoll ein „deutscher Lenin“ – ist zwar der Mundart nach ein Sachse geblieben, doch sein Gesang. wurde schnell die offizielle Parteimusik, Satzwiederholungen verrieten rasch die Ausbildung in der „Lenin-Schule“: „Wir sind nicht gekommen, das System der Bolschewiki nach Deutschland zu bringen. Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: Friede, Versöhnung und eine parlamentarisch-demokratische Republik mit allen sogenannten bürgerlichen Freiheiten ist unser Ziel“, verkündete schon in der sowjetisch-ulbrichtschen Diktion das Zentralkomitee der KPD in einem am 11. Juni 1945 an das deutsche Volk gerichteten Manifest Vier Jahre später „wählte“ das deutsche Volk in der Sowjetzone „durch seine einzige gesamtdeutsche Repräsentation“, dazu noch „einstimmig“ Wilhelm Pieck zum Präsidenten der „Deutschen Demokratischen Republik“...

Man hat den „Präsidenten“ gefragt, wie er diese Entwicklung mit dem Aufruf vom 11. Juni 1945. den er als Vorsitzender des Zentralkomitees gezeichnet hatte, vereinbaren könne. Und der alte Herr antwortete bieder: „Daraus, die Gegner zu . beschwindeln, mache ich mir kein Gewissen!“ Wer aber sind diese Gegner?