III. Der Weg der Südslawen von Apis bis Tito

Von Pavle Goranitsch

Den neuen jugoslawischen Staat, der nach dem ersten Weltkrieg entstand, beherrschte die Offiziersverschwörung zuerst verdeckt, dann offen. Sie konnte aber nicht das Entstehen zweier neuer Geheimgesellschaften verhindern, von denen in den dreißiger Jahren die der kroatischen Ustaschi (Aufständischen) die aktivste war. Ihr fiel schließlich Alexander I. zum Opfer. Das war der Anfang vom Ende Jugoslawiens.

Im Frühsommer 1928 kam dem Belgrader Parlament dieser Titel nicht mehr zu. Zwischen Ministern und Abgeordneten, zwischen den Bänken der verschiedenen Parteien flogen nicht Argumente, sondern Beschimpfungen hin und her. Kroaten und Serben wetteiferten, Volk und Tradition des Gegners herabzuwürdigen und zu schmähen. Prügelszenen waren keine Seltenheit. Die Nervosität hatte sich auch schon auf die Bevölkerung übertragen. Nicht zuletzt unter der Einwirkung der einflußreichen Politika, deren Berichterstattung auf die Verschärfung der Spannung abzielte. In ihrer Redaktion saßen sowohl die Kommunisten, wie zum Beispiel ihr Chef, Ribnikar, als auch die Beauftragten der Generalsclique. Bei allen sonstigen Gegensätzen, die diese beiden Gruppen trennten, waren sie sich doch 1928 darin einig, daß die Atmosphäre aufs äußerste zu erhitzen sei. Schüsse im Parlament

Am 20. Juli ging ich gegen Mittag vom Konak zum Parlament, das damals noch in einer umgebauten großen Stallung in der Fürst-Milosch-Straße untergebracht war, und setzte mich auf meinen Platz in der vierten Reihe. Die Bänke der kroatischen Opposition, die mit ihren Verbündeten etwa 100 Abgeordnete zählte, waren voll besetzt. Bei uns, den serbischen Regierungsparteien, war dagegen alles leer, vielleicht zwei Dutzend von unseren 200 Abgeordneten waren da. Nach wenigen Minuten ging der übliche Tumult los. Der Präsident, Dr. Ninko Peritsch, ein Protegé der Generale, schwang vergeblich seine Glocke. Das ging viertelstundenweise so weiter. Es mochte gerade vier Uhr nachmittags sein, als der radikale Abgeordnete Punischa Reisebusch, ein Serbe aus Montenegro, der trotz geringer Fähigkeiten viel Ehrgeiz zeigte, einen Zwischenruf machte. Ihm antwortete der kroatische Abgeordnete Pernar: „Schweig, alter Räuber! Wann hast du den letzten Beg ausgeplündert?“

Ratschitsch sprudelt eine Flut von Beschimpfungen hervor. „Nimm das zurück, du Gauner ... Herr Präsident! Er muß es zurücknehmen!“

Wieder kommt es zu einem Tumult, in dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Ratschitsch stürmt nach vorne, zum Präsidenten, der in diesem Augenblick die Sitzung unterbricht. Da zögert er einen Augenblick, springt auf die rechte Rednertribüne und schießt, aus einer Entfernung von zwei Metern, auf die vorderste Bank der Kroaten, auf welcher der große, dicke Pernar neben Grandja, Stefan Raditsch und Pribitschewitsch sitzt.