W. G. London, Ende Januar

Vier Wochen nach der telegraphischen Ernennung George Bernhard Shaws zum „Ehreneulenspiegel“, die der „Vertreter des 1350 in Mölln verstorbenen Till Eulenspiegels“, Bürgermeister Rudolf M Michelsen, dem Dichter als Anerkennung für die „weitreichenden, humorvollen Verdienste“ angetragen hatte, übermittelte jetzt Shaw auf einer handgeschriebenen Postkarte seinen Dank und erklärte sich freudig zur Annahme des „Ehreneulenspiegel“-Titels bereit. Damit erfüllte der mehr als dreiundneunzigjährige Nobelpreisträger aus dem Jahre 1925 die Bitte aus dem Bürgermeistertelegramm, „diese Ehrung von seiten der Stadt Mölln als dem letzten Heimat- und Sterbeort Eulenspiegels, des großen Schalks, Weisen und Menschen, in seinem Geiste anzunehmen.

Diesem Telegramm vom Neujahrstag war ein „Spuk in der Silvesternacht“ auf dem Möllner Marktplatz vorangegangen, in dem Till Eulenspiegel in historischer Tracht aus seinem Grabe herausgetreten war und dem Bürgermeister die Würde seines Stellvertreters und Ehreneulenspiegels auf Lebenszeiten verliehen hatte. In dieser neuen Eigenschaft erklärte dann das Stadtoberhaupt wenige Minuten vor Beginn des neuen Jahres das „Eulenspiegel-Jubiläums-Jahr 1950“, in dem die Stadt Tills 600. Todestag festlich begehen wird, feierlich für eröffnet.

Zugleich ging mit Shaws Annahme auch die Vermutung von „News Chronicle“ in Erfüllung, die in einem Kommentar dieser Tage die Meinung vertreten hatte, Shaw werde die „Doppelkappe von Weisheit und Narrenspiel“ vielleicht annehmen, obwohl ihm als Empfänger vieler Ehrungen wohl selten eine zweideutigere Ehre wie die von der Stadt Mölln angeboten worden sei. Aber der Bürgermeister, dem die britische Interpretation von Till Eulenspiegel nicht bekannt gewesen war, klärte den Dichter in einem Luftpostbrief über die Gestalt des „Möllner Helden und Weltweisen“ auf. Durch diese Lektüre und das Studium weiterer Eulenspiegel-Werke dürfte sich Shaw zuletzt doch zur Annahme des Titels bereitgefunden haben.