Die Evangelische Akademie in Hermannsburg hatte zum Wochenende hundert „führende Männer der Wirtschaft“ eingeladen. Ein Experiment einer Kirche? Von Kirchenseite wohl weniger – sie gewinnt langsam (endlich!) die Fähigkeit, in Wochenendtagungen diejenigen Personenkreise, die im weltlichen Leben Institutionen geworden sind und in der sozialen Praxis Verantwortung tragen, anzusprechen einmal sind es Gewerkschaftsfunktionäre, die nach Hermannsburg gebeten werden, dann Pädagogen, ein andermal leitende Angestellte oder Pfarrer oder Unternehmer, wie diesmal.

Attackieren sich nun die Unternehmer oder ihre Syndici der Kirche, um hier eine objektive, also vorurteilsfreie geistige und geistliche „Einrichtung“ auf ihre Seite zu ziehen? So mußte man fragen, als man die Liste der Anwesenden durchblätterte. Da waren nämlich viele Namen, die früher durchaus mit dem „Herrn-im-Hause-Standpunkt“, zumindest aber mit einem gewissen Patriarchentum zu identifizieren waren, von „politischer“ Belastung ganz zu schweigen. Es kam aber ganz anders.

Das lag wohl daran, daß die kirchlichen Studienleiter, an ihrer Spitze ein Mann und Christ von Format, Landesbischof Lilje, durchaus in den allgemeinen und speziellen Sozialproblemen zu Hause waren und es zudem verstanden, ihre christlich-ethische Grundhaltung nicht nur mitteilend, sondern auch wirklich übertragend den Gesprächspartnern nahezubringen. Anderseits kamen die Wirtschaftler aufgeschlossen. Sie wollten-nicht nur „profitieren“, sondern suchten (weil innerlich doch irgendwie leer) nach geistigern Rückhalt, auch bereit anklagende Worte zu hören. Es wurde ein fruchtbares Gespräch.

Die Kirche berichtete von ihrer Arbeit im internationalen wie nationalen Rahmen, von ihrem Willen, Antwort auf die sozialen Fragen zu erteilen, und – nicht minder wichtig – von ihrer Technik, die Antwort den Menschen und ihren Organisationen zu vermitteln. Die Wirtschaftswissenschaft erklärte durch Alfred Müller-Armack den echten Begriff der noch keineswegs vorhandenen sozialen Marktwirtschaft, durch die Produktivität, Elastizität und unvermeidliche Konjunkturpolitik der freien Wirtschaft erhalten bleiben sollen unter gleichzeitigem Einbau sozialer Sicherungen und Schranken. Der Professor aus Münster zeigte weiter den gegenwärtigen Stand in der sozial-ethischen Diskussion, die versucht, eine moderne Definition dessen zu geben, was sozial heißt. Herbert Groß wandte sich in seinem wirtschaftspolitischen Referat gegen die Funktionärswirtschaft, gegen dieses Weitergeben von Verant-Vorrang, sehr aktuell, sehr logisch, sehr kühl, sehr weltlich – im übrigen, nach Eindruck vieler, etwas zu liberal.

Wie dem auch sei: Man spürte allgemein eia den Willen nach ethischer Anregung. Und das ist es, was festzuhalten ist. Man möchte wieder lernen, frei von Ideologien zu denken. Man ist sich bewußt, daß Antikommunismus allein nicht reicht. Das Anti-Denken bedarf der Korrektur durch ein Pro-Denken. Der Eindruck war, daß dieses „pro“ nur vom Glauben kommen kann.

Und warum steht dies, alles im Wirtschaftsteil einer Zeitung? Nun, es ist wichtig, scheint es, einmal die geistigen Vorbereitungen zu einem neuen Start der Sozialpartner (noch sind sie Gegner!) zu registrieren; zum zweiten unter diesem Aspekt vor dem Bau des Bundeswirtschaftsrats sich immer wieder zu fragen, wie er zusammengesetzt sein und welche Funktion ihm übertragen werden soll; zum dritten festzuhalten, daß neben Sozialisten und Liberalen auch die Kirchen mit geistigern Gewicht künftig bestimmend auf das soziale Gefüge einzuwirken fähig sind; und letztlich ist es wichtig, darauf zu dringen, daß eine Wirtschaftsverfassung Allgemeingut wird, die den sozialen Strömungen der Zeit Gerechtigkeit widerfahren läßt. W-n.