Von Hans Jürgen Hansen

Es ist merkwürdig, daß gerade in Deutschland, wo das skandinavische Schrifttum seit jeher weite Verbreitung gefunden hat, einer seiner bedeutendsten Vertreter, der dänische Romantiker Adam Gottlob Oehlenschläger, heute kaum bekannt ist. Er hat selbst seine Dichtungen in ein sentimentales, nicht vollendet beherrschtes Deutsch umgeschrieben, und dadurch die im Dänischen meisterhaften Werke zu ihrem Nachteil verändert. Nach seinem Tode aber sind Neuübersetzungen wahrscheinlich deshalb unterblieben, weil man zunächst stets auf seine eigenen Bearbeitungen zurückgriff und dann verständlicherweise wenig Anlaß fand, den feinen dänischen Originalen nachzugehen. Indem er deutsch schrieb, um seine Werke einem sehr viel größeren Publikum zuführen zu können, als es in Dänemark möglich war, hat Oehlenschläger also gerade erreicht, daß er in Deutschland fast völlig vergessen wurde.

Er kam am 14. November 1779 in der Kopenhagener Vorstadt Vesterbro zur Welt. Mit achtzehn Jahren war er vorübergehend Schauspieler, nahm aber bald sein juristisches Studium wieder auf. Ein Gespräch mit dem aus Deutschland zurückkehrenden Naturwissenschaftler und Schriftsteller Heinrich Steffens regte ihn 1802 zu seiner ersten bedeutenden Dichtung, den „Goldkörnern“, an. Für kurze Zeit fand die deutsche Romantik in Oehlenschläger einen glühenden Anhänger. Unter ihrem Einfluß schrieb er 1803 sein schönes „Johannesabendspiel“, das ihn mit einmal in ganz Dänemark bekannt machte. Dann formte er aus einer der schönsten Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“ mit jugendlicher Begeisterung das dramatische Märchen „Aladdin oder die Wunderlampe“. Es erschien im Frühjahr 1805 mit großem Erfolg, und der kunstliebende Graf Schimmelmann, der schon für Schiller eingetreten war, vermittelte dem jungen Dichter ein mehrjähriges Stipendium des dänischen Hofes.

Nun fuhr er nach Deutschland, lernte in Halle Schleiermacher und Achim von Arnim kennen und begann, sich der deutschen Sprache zu bedienen. In Steffens’ Studierzimmer schrieb er Anfang des Winters in sechs Wochen das Drama „Hakon Jarl“. In Lauchstädt wurde Oehlenschläger Goethe vorgestellt, der schon Teile des „Aladdin“ kannte und ihn bat, im Frühjahr sein Gast zu sein. Der Einladung folgend, kam Oehlenschläger im April 1806 nach Weimar. Goethe behandelte ihn väterlich, hatte ihn oft zu Tisch bei sich und ließ sich von ihm seine Dramen aus dem dänischen Text deutsch vorlesen. Mit den namhaftesten Persönlichkeiten Weimars und Jenas kam Oehlenschläger bald in enge Beziehungen. Sein Weg führte ihn dann weiter nach Dresden, wo er bei Körner Wohnung nahm und mit Ludwig Tieck zusammentraf. Mit ihm verband den dänischen Dichter fortan herzliche Freundschaft.

Auch auf seiner weiteren Reise nach Paris, Stuttgart, Tübingen und Rom versäumte der Dichter nicht, mit vielen Trägern großer Namen Fühlung zu nehmen. In Rom schrieb er das Drama „Correggio“, in dem Goethe das Vorbild für die Gestalt des Michelangelo und Ludwig Tieck das seines Schülers Giulio Romano wurde. Auf der Rückreise ging er noch einmal zu Goethe und war enttäuscht, als er weniger herzlich als früher aufgenommen wurde.

Nach seiner Heimkehr wurde Oehlenschläger als Professor für Ästhetik an die Kopenhagener Universität berufen. Allein auch in der Folgezeit führte er wieder jahrelang ein unruhiges Wanderleben, das ihn wiederum nach Paris, aber auch nach Berlin und Wien, schließlich nach Brüssel brachte, wo überall er seine alten Bekanntschaften pflegte und neue anknüpfte, stets in Kontakt mit den erlauchtesten Geistern der Zeit. 1829 wurde Oehlenschläger von dem schwedischen Dichter Tegner im Dom zu Lund zum skandinavischen Dichterkönig gekrönt. Dem jungen Dithmarscher Friedrich Hebbel verschaffte er 1841 das erbetene Reisestipendium des dänischen Königs. Wenige Jahre nach der Rückkehr von seiner letzten Europafahrt erweckte der Krieg in Schleswig bei ihm ein erstes Mal Haß auf Deutschland; doch hoffte er, „es wird eine bessere Zeit kommen!“ Am 20. Januar 1850 starb er in Kopenhagen.

Adam Oehlenschläger, dem ein so kritischer Kopf wie Heinrich Heine einmal schrieb: „Ew. Wohlgeboren sind derjenige dramatische Dichter unserer Zeit, den ich am meisten liebe und am höchsten verehre“, übte einen starken Einfluß auf die nordische Literatur des ganzen 19. Jahrhunderts aus, die er durch die Verwendung von Stoffen aus der skandinavischen Vergangenheit gewissermaßen an ihre Wurzeln zurückführte. Über ihn geht von Schiller her ein gerader Weg zu Ibsens „Kronprätendenten“ und „Peer Gynt“, und mit seinem „Aladdin“ begann im Norden die moderne Denkweise, die für Grundtvig und Kierkegaard sowohl wie für Andersen und Jacobsen Voraussetzung war. Heute werden Oehlenschlägers Dramen in Dänemark neben denen von Shakespeare, Holberg, Molière und Ibsen aufgeführt, seine Bücher erfahren immer wieder Neuauflagen und stehen fast in jedem Hause. In deutscher Sprache jedoch ist seit der 1839 von ihm selbst geleiteten zweiten Ausgabe seiner deutschen Werke (bis auf die 1919 von Erwin Magnus besorgte Aladdin-Übertragung und einen soeben im Verlag Hoffmann und Campe herausgekommenen Band seiner besten Erzählungen) kein Buch von Oehlenschläger mehr erschienen. Der Grund hierfür liegt in dem anfangs geschilderten Umstand, der den dänischen Literaturkritiker Georg Brandes bei einem Vergleich der dänischen Fassung des „Aladdin“ mit der überschwenglich-sentimentalen deutschen Umarbeitung des Dichters zu der Äußerung veranlaßte: „Kein Wunder, daß man in Deutschland nie den Wert begriffen hat, den die Dänen Oehlenschlägers ‚Aladdin‘ und seiner Dichterbegabung im allgemeinen beilegen!“