Dreimal fürschrift ein 66jähriger Inder nach altem Hindubrauch mit gefalteten. Händen in stummem Gebet den Ort der Verbrennung des Mahatma. Man schrieb den 26. Januar 1950, 10 Uhr vormittags. Die letzten fünfzehn Minuten des alten Indien waren angebrochen. Dann begab sich der große Mann in den prunkvollen Durbar-Palast, um als erster Präsident seines Landes den Eid auf die Verfassung abzulegen. Unter dem Jubel Zehntausender vor dem Gebäude versammelter Inder, dem Dröhnen von 31 Salutschüssen und dem Heulen der Sirenen ging die Präsidentenstandarte auf dem einstigen Amtssitz der britischen Vizekönige hoch. Nach 1400 Jahren furchtbarer innerer Zersplitterung und abwechselnder Fremdherrschaft ist der Traum der Hindus von einem einheitlichen Reich und einer eigenen Regierung unter einem indischen Staatsoberhaupt formell in Erfüllung gegangen; Das Dominion Indien wurde zur souveränen Republik Bharat: an ihre Spitze trat als Präsident Dr. Rajendra Prasad.

Die Wahl Dr. Präsads ist gewiß für weite Kreise in Europa eine Überraschung, weil der Name dieses Politikers und Kämpfers für die Freiheit Indiens hier bisher nur wenig bekannt war. Dennoch gehört er heben dem Ministerpräsidenten Pandit Nehru und dessen Stellvertreter Sardar Patel, zu jenen Persönlichkeiten, die im indischen Volke das größte Vertrauen genießen. Gilt Nehru heute als der weiseste Inder und Patel als „Bismarck Indiens“, so wird Dr. Prasad als „Riese an Intellekt und Geist von unantastbarer Integrität“ bezeichnet. Seit er 1920 der Satyagrah-Bewegung Gandhis beitrat, führte ihn seine Karriere innerhalb der Kongreßpartei zu den höchsten Posten. Dreimal wurde er zum Präsidenten des indischen Nationalkongresses gewählt. Wie Gandhi und Nehru büßte er seine Teilnahme an dieser nationalen Bewegung mit zahlreichen Strafen in englischen Gefängnissen. Unter seiner Leitung schuf später die indische Konstituante in 1080 Tagen zum erstenmal in der Geschichte des Landes eine demokratische Verfassung, Sie proklamiert für 320 Millionen Inder die demokratische Staatsform.

Das indische Volk hat stets diejenigen abgelehnt, die Aufruhr predigten und selbstsüchtige Führungsansprüche stellten. Es folgte den Männern, die den Beweis erbrachten, daß sie die Kraft zur Entsagung besaßen und auf materielle Güter Verzicht leisten konnten. Und auch hier – wie in ideologischen Fragen – gleicht Dr. Prasad seinem großen Lehrer Gandhi. Er trinkt nur Tee, ist strenger Vegetarier und trägt ausschließlich den Khadi, das selbstgesponnene Tuch. Zeitlebens ist er für die Verbesserung des Loses der arbeitenden Bevölkerung eingetreten.

Dr. Prasad ist ein orthodoxer Hindu. Da er zu den Verfechtern des Gedankens von der Einheit des indischen Territoriums zählt, den er 1946 in seinem Buch „India divided“ ebenso leidenschaftlich wie gründlich dargelegt hat, stellt seine Wahl einen affront gegen die auf Teilung bedachten Politiker Pakistans dar. Er ist ein Anhänger des Prinzips der Gehaltlosigkeit, nicht nur. weil sein Führer. Mitarbeiter und Freund Gandhi ihm dieses Vermächtnis hinterlassen hat, sondern weil es seine eigenste Überzeugung ist, daß jede Gewalt letztendlich den Angreifer selbst trifft. Aber er fsßt die Gehaltlosigkeit nicht so auf, daß man sich wehrlos einer angreifenden Gewalt ausliefern soll. Er befürwortet die Verteidigung des Rechts und damit auch die militärische Ausbildung aller wehrfähigen Inder. Und also würde er, der stets bemüht sein wird, das indische Staatsschiff dem östlich-westlichen Strudel fernzuhalten, im Fall eines Angriffs nie zögern, zur Verteidigung der eben, gewonnenen Freiheit aufzurufen. K. R. Dhawan