Heinrich Kaminskis letztes Werk

Göttingen, Ende Januar

Nach einer kurzen Orchestereinleitung tritt ein zeitlos gekleideter Sänger vor den Vorhang und belehrt im Stil des Mittelalters „die liebreichen Frauen“ und „sehr werten Herren“ im Parkett, daß das bevorstehende Spiel auch einen Sinn habe und daß sie diesen Sinn „so recht in Herz und Seel’ fassen“ möchten. Darauf singt der Chor nach Kaminskis Anweisung im Orchester, bei der Göttinger Uraufführung in den Proszeniumslogen, ungefähr dasselbe noch einmal auf lateinisch.

Nach diesem doppelten Vorsprach beginnt das Vorspiel; Der brutale Tyrann, König Aphelius, begegnet nach seiner Krönung dem Volksführer Periél, der Züge von Ghandi und Christus in sich vereint. Periéls Heilsbotschaft heißt: Brüderlichkeit, Menschenliebe und Gewaltlosigkeit, Aphelius läßt auf ihn und die Menge schießen, Der verwundete Prophet, nach dem Sinn seiner Reden befragt, zeigt in fünf gleichnishaften Szenen dem Tyrannen, wie seinesgleichen zu allen Zeiten die Repräsentanten gotterfüllter Menschheit verfolgt und getötet haben. Doch bevor man zu diesen Kernszenen vordringt, die vom Steinzeitalter bis zur Gegenwart die Menschheitsgeschichte durcheilen, wird zur begleitenden Orchestermusik noch ein Film eingeschaltet, der die folgenden Bilder kurz vorwegnimmt. Von diesen fünf Bildern wird das vierte, das die Niedermetzelung friedliebender Azteken durch spanische Konquistadoren behandelt, nochmals durch ein Vorspiel eingeleitet, In sich birgt es ein „Tanzdrama“, das heißt einen kultischen Tanz des Aztekenkönigs mit seinem Gefolge. Am Schluß des ganzen Werkes erscheint wiederum König Aphelius, geläutert durch das, was er gesehen hat, und bekehrt zu den Idealen Periéls. Doch bevor er sie in die Tat umsetzen kann, wird er durch einen verrannten Revolutionär getötet. Dem Nachspiel folgt noch eine Schlußbetrachtung des Chores, Sie enthält die ethisch-religiöse Quintessenz des Werkes: Wohl dem, dessen Leben von Gott in wahrem Menschsein kündet.

Diesem verschachtelten Handlungsablauf entspricht die Verschachtelung von Kaminskis Sprachgebilden. Er hat sein Textbuch selbst geschrieben. Gewiß kann man von einem großen Komponisten nicht verlangen, daß er ein ebenso bedeutender Dichter sei. Aber er muß sich in jedem Fall klar und knapp ausdrücken. Kamin-Als Sätze sind Labyrinthe, in denen man sich – besonders, wenn nicht gesungen wird – hoffnungslos verirrt, Da muß dann schließlich der Rotstift helfend einereifen. Der Gottinnen Regisseur Hanns Niedecken-Gebhard hat ihn zum Heil des Werkes gebraucht. Er war dem Autor auch sonst ein hilfreicher Freund. „König Aphelius“ vereinigt in sich die verschiedensten Kunstgattungen: Schauspiel, Pantomime, Musikdrama, Tanz mit und ohne Worte, Film und Motette, Bewundernswerterweise brachte Niedecken-Gebhard es fertig, alle diese Elemente zu einer Einheit zu binden. Sehr hilfreich waren ihm dabei die ausgezeichneten Bühnenbilder von Margarete Altvater, die bei aller Irrationalität fast sämtlichen Szenen zu starker visueller Wirkung verhalfen.

Die Musik spielt in diesem Gesamtkunstwerk nicht die alles beherrschende Rolle, die ihr im reinen Musikdrama zufällt. Kaminski hat einmal geäußert, daß es die Funktion des Dramas sei, die „allem Sein zugrunde liegenden Urgesetze“ in sichtbare und hörbare Erscheinung treten zu lassen. Die Musik habe erst da einzusetzen, wo die Sagbarkeit der Dinge aufhört. Von diesem Gesichtspunkt aus muß auch die Aphelius-Musik betrachtet werden. Ihr Schwerpunkt liegt zweifellos in den polyphonen Chören geistlichen Stils, in denen sie sich zu der hymnischen Feierlichkeit und mythischen Ekstase erhebt, die ihren ethisch-religiösen Inhalten entspricht. Doch gelingt es Kaminski bisweilen auch durchaus, mit sparsamen Mitteln – einem Harfenzupfen, ein paar Xylophontönen, einer harmonischen Aufhellung, einer flatternden Holzbläserpassage oder feierlich schmetterndem Blech – eine Situation im theatralischen Sinne zu charakterisieren. Das Ganze ist gekennzeichnet durch polyphone Anlagen, Festhalten an spätromantischer modulationsreicher Harmonik, Vorliebe für rhythmische Verschachtelung, Aufspaltung langsamer Zeitmaße in kleinste Notenwerte, die so barock ineinander verschlungen sind wie die Sprachgebilde des Autors. Achtung und Beachtung heischt das ungewöhnliche Werk in erster Linie durch seine große Konzeption und hohe sittliche Zielsetzung,

Kaminski hat in der Arbeit am „Aphelius“ seine letzte Lebenskraft verzehrt, Er starb kurz nach seiner Vollendung im Juni 1946. Sein künstlerisches Vermächtnis der Nachwelt übermittelt zu haben, ist die ebenso mutige wie verdienstvolle Tat des Göttinger Intendanten Fritz Lehmann, unter dessen Stabführung die Farb- und Ausdruckswerte der Partitur zu -voller Geltung kamen. Die Mitglieder von Oper, Schauspiel und Tanzgruppe vereinigten sich hier zu einer höchst. bemerkenswerten Ensembleleistung,

Gertrud Runge