Es gehört zu der Eigengesetzlichkeit eines Satellitensystems,daß der Gewalthaber dieses Systems jeweils denjenigen seiner Satelliten, den er gerade für unzuverlässig hält, in einen unmittelbaren Konflikt mit der Umwelt zu verwickeln trachtet, um ihm jeden Ausweg abzuschneiden. So hat Deutschland im Kriege bald auf Ungarn bald auf Bulgarien einen heftigen Druck ausgeübt, um diese Länder zuerst zum Abbruch der Beziehungen, dann womöglich zur Kriegserklärung am die festmachte zu zwingen. Daher kann man aus dem Druck der Sowjetunion auf Bulgarien, der den Abbruch der Beziehungen mit den USA und mit Jugoslawien zum Ziele hat, mit Sicherheit schließen, daß man zur Zeit in Moskau gegen dieses Land außerordentlich mißtrauisch ist. Das wird auch dadurch bestätigt, daß in der allgemeinen Säuberungswelle, welche in den Satellitenländern im Anblick der Widerstandsfähigkeit des Tito-Regimes eingeleitet wurde, Bulgarien zweifellos an der Spitze steht. Von vier Politbüro-Mitgliedern, die auf der Säuberungsliste zu stehen scheinen und unter denen sich auch die „bulgarische Pauker“, Tsola Dragoitschewa, befindet, ist dieser Tage der Arbeitsminister Terpeschew abgesägt worden, zusammen mit sechs Mitgliedern des Zentralkomitees. Terpeschew stand am Vortage noch auf der Liste der neuen Minister, die nach der Wahl das zweite Kabinett Kolarow bilden sollten. Wenige Tage später war Kolarow selbst ein toter Mann.

Es ist schwer zu sagen, ob Kolarow eines natürlichen Todes gestorben ist – in einem Lande, in dem innerhalb von ein paar Monaten zwei Ministerpräsidenten und ein stellvertretender Ministerpräsident, der letztere nach einem Hochverratsprozeß, das Zeitliche gesegnet haben. Der erste war Dimitrow, der sich im Januar 1948 für eine Union mit Jugoslawien, Polen und der Tschechoslowakei ausgesprochen hatte und daraufhin von der Moskauer Prawda grob desavouiert worden war. Er hat damals zerknirscht revoziert, sich aber im Juni 1948 in Warschau abermals, offenbar in provozierender Absicht, zu einer Föderation mit Jugoslawien bekannt, Wenige Tage später verdammte das Kominform Tito und es dauerte nicht lange, bis Dimitrow zu jener Reise in die Sowjetunion genötigt wurde, von der er erst im Sarge zurückkehrte.

Kolarow starb am 23. Januar, fünf Tage nach seiner Wiederwahl zum Ministerpräsidenten, Seit dem Tode Dimitrows, dessen politische Schicksale er mehr oder minder seit 1923 geteilt hatte, sagte man ihm geheime Opposition gegen Moskau nach und wies, was vielleicht schlimmer war, darauf hin, daß er von der Tito-Presse nicht angegriffen wurde. War er seinem Stellvertreter Tscherwenkow, der als der kommende starke Mann gilt und den das jüngste Moskauer Geburtstagsphoto just als den Nachbarn Malenkows, des Kominformchefs, zeigt, im Wege? Jedenfalls kann man sagen, daß Kolarow, wenn der Kommuniqué-Herzschlag ein Herzschlag war, zumindest nicht ungelegen starb... H. A.